Varia

... von Ihren Experten für eigentlich eh fast alles.


Richtig falsch gelogen

Warum sich »wahr« und »richtig« mitunter nicht vertragen.

»Es kann sein, daß nicht alles wahr ist, was ein Mensch dafür hält, denn er kann irren, aber in allem, was er sagt, muß er wahrhaftig sein.«

Immanuel Kant, Verkündigung des nahen Abschlusses eines Traktats zum ewigen Frieden in der Philosophie, 1796

In dem vorhergehenden Artikel »Impfstofflügen« sind wir dem Satz »Sie haben uns angelogen und die Impfung wirkt nicht (gut genug)!« auf den Grund gegangen. Dabei haben wir uns auf objektiv belegbare Fakten zur Frage der Wirksamkeit der Impfung beschränkt. Offen blieb, welche Absichten die der Lüge Beschuldigten verfolgen. Das möchte ich hier nachholen.


Zum Lügen gehört immer der Vorsatz der Täuschung. Im Vorsatz unterscheidet sich die Lüge vom Irrtum. Allerdings ist der Vorsatz relativ schwer nachzuweisen, solange wir nicht in die Köpfe der Menschen hineinschauen können. Dass Nasen mit jeder Lüge länger werden, entspricht zwar nicht der Wahrheit, ist jedoch im Kontext eines Märchens keine Lüge. Ob etwas als Lüge gilt, hängt somit auch vom jeweiligen Kontext ab.

Dass dem Lügner ein Bäumchen im Gesicht wächst, ist faktisch nicht richtig. Ist die Geschichte vom Pinocchio daher eine Lüge? [1]

Auch Genauigkeit ist kontextabhängig

Jede Aussage ist streng genommen mit einer gewissen Ungenauigkeit behaftet. Ab welchem Punkt diese unvermeidbare Ungenauigkeit als verfälschend empfunden wird – wohlgemerkt nicht im Sinne einer absichtlichen Verfälschung, sondern im Sinne von »nicht zutreffend« – hängt maßgeblich vom jeweiligen Kontext ab. Der Kontext selbst ist dabei oft unausgesprochen und schlichtweg vorhanden. Gerade dieses »einfach da zu sein« birgt jedoch die Gefahr, dass Sender und Empfänger einer Nachricht den Kontext – und damit auch die Nachricht selbst – unterschiedlich wahrnehmen.

Zur Veranschaulichung ein Beispiel: Ein Hobbysportler, der im Kaffeehaus von seinen sportlichen Leistungen berichtet, darf bei den Zahlen durchaus ein bisschen übertreiben. Ein Vortragender auf einem wissenschaftlichen Kongress darf dies nicht. Der entscheidende Unterschied liegt im Kontext.

Wechseln wir mit einer oft zitierte Aussage des inzwischen Ex-Kanzlers in die gesellschaftspolitische Sphäre:

»Für die Geimpften ist die Pandemie vorbei!«

Diese Aussage wäre mit Einschränkungen, wie »wenn es keine neuen Varianten gibt« oder »wenn sich genügend Menschen dann tatsächlich auch impfen lassen« gar nicht so falsch gewesen. Wissenschaftler und Experten hatten sich dann auch vernehmbar gegen diese Behauptung ausgesprochen. Fakt ist damit vor allem eines: Es gab sehr wohl auch immer auffindbare Stimmen, welche die vereinfachende Aussage des Kanzlers relativiert hatten. profil faktiv

Damit stellt sich die Frage: Wie viel Recht auf Leicht­gläubig­keit beanspruchen die sich belogen fühlenden? Und geht es ihnen vielleicht nur darum, eine Beschwerde­stelle an der Hand zu haben, wenn eine Vorher­sage einmal nicht eingetroffen ist? Zum »Recht auf Leichtgläubigkeit« →Putins Lügen und Kants Irrtum

Über des Kanzlers Absichten könnte ich nur spekulieren. ad des Kanzlers Absichten: Es wird geschrieben, er wollte unbedingt der Erstüberbringer der Frohbotschaft sein. Mit der Empfängerseite, also mir selbst, tue ich ich damit schon leichter: Ich muss ehrlicher­weise sagen, dass ich mich in diesem Fall nicht belogen fühlte. Mir war klar, dass es sich hierbei um eine stark verkürzte »Hoffnungsbotschaft« handelt, verbunden mit dem durchaus sinnvollen Appell: Lasst euch bitte impfen! Es gibt starke Anzeichen dafür, dass mit einer besseren Durchimpfungs­rate allen geholfen gewesen und einige der Maßnahmen uns erspart geblieben wären. Insofern finde ich es befremdlich in der Lüge zu zeihen.

G’scheit war seine Eile sicherlich nicht. Dass ich Sebastian Kurz keine Träne nachweine, liegt an diversen anderen Machenschaften. Ob seine Absichten ehrliche waren – er sich also »wahrhaftig geirrt« oder in täuschender Absicht gelogen hatte, das darf er mit sich selber ausmachen. Gute Lügner überzeugen zuerst einmal sich selber – insofern kann auch beides irgendwie zutreffen.

Wissenschaft schafft keine Wahrheit

Damit kommen wir zu einem wie ich meine wichtigen Punkt: Wer richtige Informationen und Aussagen hören will, wird auf die Wahrheit Wahrheit im Sinne von endgültig richtig. verzichten müssen. Oder anders gesagt: Wahrheit und Wissenschaft schließen sich nun einmal aus. Wissenschaft schafft Wissen und keine endgültigen Wahrheiten. Wissenschaftlich arbeitende Menschen müssen ihre Erkenntnisse ständig hinterfragen und irren sich laufend. Doch genau das macht sie nicht zu Lügnern, sondern zu jenen, die der Wahrheit oft näher kommen als alle anderen. Das mag paradox klingen – und ist es auch –, dennoch ist es wahr.



Quellen und Bildnachweis

profil, Jakob Winter und Katharina Zwins. FAKTENCHECK Corona-Experten zu Kanzler Kurz: »Pandemie ist für keinen vorbei« 🌐

[1] Pinocchio – Zeichnung von Pinzellades al món, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.5 ES, https://bibliocolors.blogspot.com