Varia

... von Ihrem Expertich für eigentlich eh fast alles.


Eine dann doch nicht unterschriebene »Anti-Gender«-Petition

Beim Gendern finde ich mich regelmäßig zwischen den Stühlen wieder: Auf der einen Seite die Fanboys des »generischen Maskulinums« auf der anderen die Sternderl-Aficionados. Ein Aufruf zu etwas mehr Kreativität um dieses leidige Thema endlich vom Tisch zu bekommen.

Liebe Leserinnen, Leseriche und Leser,

Mastodon, das soziale Medium meiner Wahl, brachte mir kürzlich die an den Deutschen Bundestag gerichtet Petition Abkehr von der Gendersprache zur Kenntnis. Viele der vom Verein deutsche Sprache (VDS) angeführte Kritikpunkte an der so genannten »Gendersprache« sind nachvollziehbar: Egal ob mittels Paarform oder Sternchen geschlechtergerecht formuliert wird, die Texte werden uneinheitlich, aufgeblasen und das Signal-/Noise-Verhältnis leidet. Der VDS ist nicht alleine mit seiner Kritik. Auch die Chemikerin und Wissenschafts­journalistin Mai Thi Nguyen-Kim stellt die naheliegende Frage, ob das offensive Heraus­streichen des Geschlechts der erwähnten Personen von den Inhalten nicht unnötig ablenkt.

»Ich bin Chemiker!« – auch so können Rollenklischees aufgebrochen werden. Screenshot aus »Science Girls, Oktober 2018« Screesnhot/Nahe Einstellung: Eine junge Frau mit asiatischen Gesichtszügen, blauem Pullover blickt direkt in die Kamera.

Andere Kritikpunkte des VDS, das Gendern würde die Sprache unnötig sexualisieren und Gräben entlang gruppenbezogener Unterschiede verstärken, halte ich für ebenso nachvollziehbar und nicht so einfach von der Hand zu weisen.

Deswegen aber beim etablierten generischen Maskulinum zu bleiben, halte ich für falsch. Dass Frauen damit sprachlich unsichtbar gemacht werden ist evident und entspricht in keinster Weise dem, wie wir heute leben wollen. Das generische Maskulinum bildet eine Gesellschaft ab, die wir – gerne! – hinter uns lassen würden.

Auf der anderen Seite die Kritiker des generischen Maskulinums: Entweder bestehen sie auf der Lösung mittels Paarform, Paarform auch als Splitting bezeichnet: »Leserinnen und Leser« also Frauen und Männer getrennt anzusprechen. Das ist unter­schwellig sowohl sexistisch als auch heteronormativ und daher in keinster Weise eine Verbesserung. Obendrein entstehen bei konsequenter Anwendung der Paarform katastrophal komplexe Sätze oder mensch schwindelt sich halt irgendwie durch, in dem einmal mehr und dann wieder weniger gegendert wird. Nur wenig besser ist der typographische Ansatz Typographisch gendern: Je nach Geschmack »Leser*innen« oder »Leser:innen« oder »Leser·innen« … , bei dem ein Satzzeichen wie Stern oder Doppelpunkt zwischen das männliche und weibliche Wortteil gesetzt wird – alle anderen sollen sich dank dieses Trennzeichens mitgemeint fühlen.

Beide »Lösungen« sind – mit Verlaub – untauglich, da sie das offensichtlich grammatikalische Problem des fehlenden Generikums nicht lösen. Wir brauchen auf grammatikalischer Ebene eine geschlechtsneutrale Form – diese durch Aufzählungen oder typographische Interventionen herbeizaubern zu wollen, muss scheitern.

Die Lösung ist praktischer Weise sehr einfach – ein wenig Flexibilität im Denken und guten Willen vorausgesetzt: Die vermeintlich männliche Form ist bei genauer Betrachtung in fast allen Fällen eigentlich die generische, wird aber – der heutigen Zeit nicht mehr angemessen – immer noch verwendet, um auch eine rein männliche Teil­menge zu benennen. Das ist falsch, aber leicht zu ändern. Wir müssten uns lediglich auf ein Suffix für die männliche Teil­menge einigen. Anbieten dafür würden sich -erich oder -ich, wie wir sie vom Enterich oder Mäuserich seit Kindertagen kennen.

Um nochmals auf die Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim zurückzukommen: In ihrem Video stellt sie sich als Chemiker vor – »Ich bin Chemiker!« Das ist natürlich auch richtig, jede Chemikerin ist auch Chemiker, so wie Chemikeriche eine Teilmenge der Chemiker sind. Dass ich sie hier dennoch als »Chemikerin« bezeichnet habe, liegt nicht am mangelndem Respekt ihr gegenüber, sondern dass im Kontext eines Artikels über Geschlechter­gerechtigkeit es mir passender erschien, nicht den Überbegriff »Chemiker« sondern die dezidiert weibliche »Chemikerin« zu verwenden. Wir sehen also, ein spezifisches Maskulinum bereichert unsere Sprache, indem es uns zusätzliche Nuancen anbietet, ohne dass wir dafür kompliziert und langatmig werden müssen.

Quellen

Mertens Sabine auf OpenPetition. Abkehr von der Gendersprache in Politik, Verwaltungen, Bildung, Medien und Gesetzgebung Jetzt! 🌐

Mai Ti Nguyen-Kim. SCIENCE GIRLS 18 Oktober 2018, Sollte man gendern?

Bildnachweise

Bildschirmabzug SCIENCE GIRLS

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