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Angst als schlechter Ratgeber: Was ein Presse-Essay über Risiko, Vertrauen und Geschlechtergerechtigkeit lehrt

Kommentar zum Meinungsartikel »Männer, kämpft um unser Vertrauen!« von Katrin Nussmayr, Die Presse, 26. März 2026.

Katrin Nussmayr spricht ein echtes gesellschaftliches Problem an. Trotzdem: Wer den Artikel mit kühlem Kopf im Sinne eine Risikoabwägung liest, stellt fest, dass die Zahlen das gezeichnete Bild nicht tragen – und dass die politische Schlussfolgerung, Frauen hätten gut begründete Ursachen, Männern generell mit Vorsicht zu begegnen, wohl mehr Schaden anrichtet als Nutzen.

Die Kernaussage des Artikels

Nussmayr argumentiert Link zum Artikel siehe Quellen am Ende des Artikels , das Vertrauen zwischen den Geschlechtern erodiere – und zieht den Straßenverkehr als Analogie heran: Wie der Vertrauensgrundsatz im Straßenverkehr darin besteht, dass Verkehrsteilnehmer auf regelkonformes Verhalten der anderen vertrauen dürfen, brauche auch das Zusammenleben der Geschlechter diesen Vertrauensrahmen. Wenn zu viele Männer ihn brechen – durch Übergriffe, Gewalt, kleines Machtgehabe im Alltag – seien Frauen gezwungen, mit dauerhafter Vorsicht durch die Welt zu gehen. Unbescholtene Männer müssten deshalb Haltung zeigen und aktiv vertrauensbildend wirken.

Das Anliegen ist legitim. Die Risikologik dahinter ist es nicht.

Was die Zahlen tatsächlich sagen

Schauen wir uns die Zahlen zu Femiziden sowie zu dem von Nussmayr ins Spiel gebrachten Straßenverkehr an.

Femizide in Österreich

In Österreich sterben jährlich aktuell rund 15–20 Frauen durch sogenannte »Femizide« – also Tötungen durch (Ex-)Partner oder enge Familienangehörige. Das sind erschütternde Einzelschicksale. Als allgemeines Lebensrisiko für Frauen berechnet, ergibt sich daraus ein Basisrisiko von grob 3–4 Todesfällen pro Million Frauen und Jahr.

Historisch lagen die Zahlen etwas höher (um die 20–30 pro Jahr), in den letzten Jahren sind sie eher rückläufig.

Straßenverkehr

Im selben Zeitraum sterben rund 350–400 Menschen pro Jahr im österreichischen Straßenverkehr; davon etwa 80 Frauen. Das heißt: Eine Frau hat in einem gegebenen Jahr ein etwa fünfmal höheres Risiko, im Straßenverkehr zu sterben, als Opfer eines Femizids zu werden. Der Vergleich hinkt natürlich – aber das macht ihn nicht wertlos – und ich folge hier Nussmayrs Argumentation. Der Vorwurf des »Whataboutism« ginge also ins Leere.

Abzuziehen ist jedenfalls der hohen Anteil von Alleinunfällen (40–60 % je nach Verkehrsmittel). Danach bleibt das Risiko, durch andere im Verkehr getötet zu werden, aber immer noch deutlich über dem Femizidrisiko. Dass Männer im Straßenverkehr sehr viel mehr tödliche Unfälle verursachen als Frauen, ist ein beachtenswertes Detail. Am Ende könnte die Erkenntnis stehen, dass Männern am Lenkrad gefährlicher sind als mit einem Messer.

Was das bedeutet

Ein nüchternes Risikoprofil für eine zufällig ausgewählte Frau in Österreich zeigt: Schon der Straßenverkehr ist für sie statistisch gefährlicher als das Zusammenleben mit Männern – jedenfalls, was Todesfälle betrifft. Beides sind insgesamt kleine Risiken. Aber wenn man sie gegeneinander abwägt, trägt die im Essay implizit transportierte Vorstellung eines generell lebensgefährlichen Zusammenlebens mit Männern nicht.

Der Denkfehler hinter der Verallgemeinerung

Die Femizid- und Gewaltforschung zeigt, dass sich das Tötungsrisiko durch Männer stark auf klar beschreibbare Konstellationen konzentriert: intensive Kontrollbeziehungen, Trennungssituationen, frühere körperliche Gewalt, ökonomische Abhängigkeit. Das ist entscheidend. Es bedeutet: Nicht »die Männer« sind das Risiko – sondern eine spezifische Dynamik in einer kleinen Subgruppe von Beziehungen.

Die Schlussfolgerung, daraus ein generelles Misstrauen gegenüber Männern abzuleiten, ist der logische Fehler. Formal stimmt das, praktisch ist es nicht handlungsleitend, weil es keine sinnvolle Unterscheidung mehr erlaubt.

Die Bekämpfung geschlechtsspezifischer, struktureller Gewalt hätte auch akut gefährdeten Frauen geholfen. Solche gesellschaftspolitischen Anliegen sind aber Langzeitprojekte und setzen geschlechterübergreifendes Teamwork voraus.

Was das gezeichnete Angstszenario anrichtet

Die Botschaft »Frauen haben Grund, Männern grundsätzlich zu misstrauen« hilft nicht jenen, die tatsächlich gefährdet sind. Die Frau in einer gewaltbelasteten Beziehung braucht keine allgemeine Vorsichtsmahnung – sie braucht konkrete Unterstützung: ein solidarisches Umfeld, ein erreichbares Frauenhaus, eine Beratungsstelle, einen Rechtsbeistand, eine Polizei, die Betretungsverbote konsequent durchsetzt.

Das pauschale Angstszenario bewirkt vor allem:

  • Es diskreditiert Männer pauschal, ohne dass dies eine Frau schützt.
  • Es verdeckt die eigentliche Risikostruktur: Wer alle Männer als potenzielle Bedrohung darstellt, vernebelt, welche Warnsignale und Konstellationen tatsächlich gefährlich sind.
  • Es sät Misstrauen zwischen den Geschlechtern, das gesellschaftlich teuer ist: in Beziehungen, in der Zusammenarbeit, im öffentlichen Raum – ohne dass eine einzige Frau dadurch sicherer wird.
  • Es lenkt Aufmerksamkeit und Ressourcen weg von anderen, häufigeren Risiken: Herz‑Kreislauf-Erkrankungen, Verkehr, psychische Erkrankungen – allesamt statistisch weit bedeutendere Todesursachen für Frauen.

Kurz: Das Bild vom grundsätzlich gefährlichen Mann ist eine schlechte Approximation des Risikos, dem Frauen ausgesetzt sind – und eine noch schlechtere Grundlage für sinnvolle Politik.

Die Parallele, die der Artikel selbst nicht zieht

Der Essay bemüht den Straßenverkehr als Analogie, zieht aber nicht den naheliegenden Vergleich fertig durch.

Auch der Straßenverkehr ist die Extremform eines Musterproblems:

  • Wohn- und Spielstraßen werden von Kindern, älteren Menschen nicht als solche genützt – nicht weil Unfälle statistisch so extrem häufig wären, sondern weil das subjektive Unsicherheitsgefühl reicht, um Lebensqualität und Bewegungsfreiheit massiv einzuschränken.
  • Umfragen zeigen: Ein großer Teil der Fußgänger und Radfahrenden fühlt sich im Straßenverkehr unsicher und vermeidet bestimmte Routen komplett.

»Automobile Gewalt« – das strukturelle Diktat des motorisierten Verkehrs – wirkt einschränkend lange, bevor ein Unfall passiert. Genau so argumentieren viele Texte über Frauen und Gewalt: dass sich Frauen einschränken, weil sie Angst haben, auch wenn die Tötungswahrscheinlichkeit klein ist.

Wer diese Argumentationslogik ernst nimmt, muss anerkennen: Auch der Autoverkehr ist ein Strukturproblem, das allen schadet, lange bevor es zur Extremform des tödlichen Unfalls kommt. Das ist kein Argument gegen die Thematisierung von Gewalt gegen Frauen – aber ein Argument gegen die Illusion, Femizide seien das zentrale Lebensrisiko »für die Frauen« und rechtfertigten pauschales Misstrauen gegenüber Männern.

Fazit: Seien wir wachsam aber furchtlos

Katrin Nussmayr hat Recht, wenn sie fordert, dass Männer nicht wegschauen sollen, wenn andere Männer gegenüber Frauen übergriffig werden – und sei es nur verbal über Abwesende. Sie hat Recht, wenn sie beschreibt, dass Alltagssexismus und strukturelle Ungleichheit real sind und dass sie das Zusammenleben belasten.

Was nicht trägt, ist die numerische Aufladung eines kleinen, konzentrierten Risikos zu einer allgemeinen Bedrohungslage. Das verunsichert unbescholtene Männer zu Unrecht, und es verunsichert auch viele Frauen, die mit Männern gut und gerne zusammenleben – ohne dass es ihre Sicherheit messbar erhöht.

Angst ist ein schlechter Kompass für Politik. Und ein noch schlechterer für das Zusammenleben.


Quellen

Katrin Nussmayr. Die Presse, 26. März 2026.. Männer, kämpft um unser Vertrauen! 🌐

Autonome Österreichische Frauenhäuser. Mutmaßliche Femizide durch (Ex-)Partner oder Familienmitglieder oder durch Personen mit Naheverhältnis zum Opfer 2025 laut Medienberichten 🌐

Haller, Birgitt. SIAK-Journal − Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis (4/2023), 16-27.. Femizide in Österreich. Eine Analyse der Justizakten aus dem Zeitraum 2016 bis 2020 🌐

BMIMI. 397 Verkehrstote im Jahr 2025: „Wir brauchen Sicherheit für alle, die unterwegs sind“ 🌐

VCÖ (zitiert nach Puls 24). Frauen sind sicherer im Straßenverkehr unterwegs als Männer. VCÖ-Analyse zum Weltfrauentag, 2026. 🌐

Radsportszene. Radfahr-Umfrage: Mehr als die Hälfte aller Radfahrer fühlt sich im Stadtverkehr unsicher 🌐

KfV. Sicheres (E-)Radfahren am Arbeitsweg 🌐

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