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Der ORF, die Wasserfarben und deine Standortdaten

Im Cookie-Dialog erklärt der Gebührensender das Datensammeln mit niedlichen Beispielen. Die Wirklichkeit dahinter ist eine andere.

Rufst du ORF.at auf, wirst du zuerst freundlich begrüßt – vom Cookie-Banner. Klickst du dich in die Details, erzählt dir der öffentlich-rechtliche Sender kleine, harmlose Geschichten, warum er dein Leseverhalten aufzeichnen möchte:

Ein Autohersteller will seine Elektrofahrzeuge bei umweltbewussten Nutzern, die in der Stadt leben, nach Feierabend bewerben.

Ein großer Hersteller von Wasserfarben möchte eine Online-Werbekampagne für sein neuestes Wasserfarben-Sortiment durchführen.

Beispiel aus dem ORF-Cookie-Dialog. So erklärt der ORF die »Verwendung reduzierter Daten zur Auswahl von Werbeanzeigen«: Es gehe um Elektroautos nach Feierabend und um Wasserfarben. Wer könnte da Nein sagen? Screenshot ORF.at

Elektroautos für Klimabewusste, Wasserfarben für Hobbymaler, Laufschuhe für Leute, die sich gerade Laufschuhe angesehen haben. Wer könnte dagegen etwas haben? Der Zweck dieser harmlosen Beispiele: Sie sollen dir das »Annehmen« leichter machen.

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Ein paar Zeilen tiefer wird der Ton schon konkreter. Beim Zweck »Erstellung von Profilen für personalisierte Werbung« steht dieses Beispiel:

Ein Bekleidungsunternehmen möchte seine neue Kollektion hochwertiger Babykleidung bewerben. Es setzt sich mit einer Agentur in Verbindung, die über ein Netzwerk von Kunden mit hohem Einkommen verfügt […] und bittet die Agentur, Profile junger Eltern oder Paare zu erstellen, von denen angenommen werden kann, dass sie wohlhabend sind und kürzlich ein Kind bekommen haben.

Vom Produkt zur Person. Beim selben Dialog, ein paar Klicks weiter: Plötzlich geht es nicht mehr um Babykleidung, sondern um »Profile junger Eltern […], dass sie wohlhabend sind und kürzlich ein Kind bekommen haben«. Screenshot ORF.at

Jetzt geht es nicht mehr um Wasserfarben. Es geht um dich: um dein geschätztes Einkommen, deinen Familienstand, deine Lebensphase. Aus »wir zeigen passende Produkte« ist »wir kennen dich« geworden. Und das ist keine Entgleisung – das ist deren Geschäft.

Die Wasserfarben und der digitale Zaun

Das Unangenehme: Es sind dieselben Daten. Der Standort, der entscheidet, ob du die Wasserfarben-Werbung »nach Feierabend« siehst, ist derselbe Standort, mit dem ein Geheimdienst einen »digitalen Zaun« um ein Gebäude ziehen und fragen kann: Wer ist gerade hier? Der Über­wachungs­forscher Ronald Deibert hat die Methode kürzlich beschrieben – Überwachung aus dem Werbe-Ökosystem, ganz ohne Hacking. Ausführlich dazu → Überwacht durch Werbung – die Spionage ohne Hacking. Sein Citizen Lab hat dokumentiert, wie aus eben diesem Werbedatenstrom ein Ortungswerkzeug für Geheimdienste wird. Die niedliche Verpackung ändert nichts an der Maschinerie dahinter.

Und diese Maschinerie hat Namen. Klickst du im ORF-Dialog auf »Anbieter«, erscheinen rund 30 Werbepartner, an die – nach Zustimmung – die Daten fließen:

Die Anbieter hinter den Wasserfarben. Ein Ausschnitt der »Marketing Cookies«-Partner des ORF: Google, Magnite, The Trade Desk, Xandr und Yahoo sind die Schwergewichte des programmatischen Werbemarkts – also genau jener Auktionen, aus denen auch Überwachungsfirmen schöpfen. Screenshot ORF.at

Das sind keine Hobbymaler-Versorger. Es sind die größten Daten­händler und Werbe­auktionatoren der Welt:

  • Google Advertising Products – mit dem DSID-Cookie der Knotenpunkt des ganzen Komplexes. Wie das im Detail funktioniert, habe ich am Beispiel einer Petitionsplattform beschrieben → Wie der überwachungskapitalistische Komplex funktioniert.
  • Xandr – gehört seit 2022 Microsoft. Sein Daten­markt­platz handelte mit Segmenten wie »Fragile Seniors«, »LGBTQ« oder Gesundheits- und Politikinteressen; deutsche Datenschutz­behörden leiteten dazu Prüfungen ein. So weit zur »Wasserfarben«-Werbung.
  • The Trade Desk und Magnite – die größte unabhängige Nachfrage- bzw. Angebotsplattform, reine RTB-Akteure.
  • Amazon Ads, Yahoo, IPONWEB (heute Criteo) und emetriq – der Datenpool der Deutschen Telekom mit über 150 Millionen Profilen.

Jeder von ihnen erhält im Auktionsmoment dasselbe Paket: Gerät, Browser, ungefährer Standort, demografisches Profil. Für Wasserfarben braucht man das nicht.

Warum das beim ORF besonders bitter ist

Bei einem kommerziellen Portal kann man noch achselzuckend sagen: Werbung finanziert eben das Gratis-Angebot. Beim ORF ist das anders. Den zahlen wir bereits – seit 2024 über den ORF-Beitrag, den praktisch jeder Haushalt verpflichtend entrichtet. Wir bezahlen also für den Sender und werden obendrein zum Produkt gemacht, das an Google, Microsoft und die Telekom weitergereicht wird. Und der Sender begründet diese Weitergabe mit einer Geschichte über Wasserfarben.

Das ist die eigentliche Pointe der niedlichen Beispiele: Sie verschleiern nicht nur, was gesammelt wird, sondern lassen die Zustimmung als vernünftig erscheinen. Wer würde schon einer Wasserfarben-Kampagne misstrauen?

Der Ablehnen-Knopf, den der ORF bekämpft hat

Dass im ORF-Dialog heute überhaupt ein gleichwertiger »Alle ablehnen«-Knopf steht, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis eines über Jahre dauerenden Gerichtsstreites, den der Sender am Ende verloren hat.

Schon im August 2021 beanstandete die Datenschutz­organisation noyb, dass der ORF-Banner auf der ersten Ebene gar kein »Ablehnen« anbot. Der ORF besserte zwar nach – gestaltete den »Ablehnen«-Button aber weiterhin farblich unauffälliger als das einladende »Akzeptieren«. Erst im Oktober 2024 gab die Datenschutz­behörde der Beschwerde recht und ordnete gleichwertige Schaltflächen an. Und selbst dagegen wehrte sich der ORF noch vor dem Bundes­verwaltungs­gericht – erfolglos, das Gericht bestätigte die Behörde.

Der gebühren­finanzierte Sender hat also nicht etwa auf den ersten Hinweis hin korrigiert. Er hat durch alle Instanzen dafür prozessiert, mittels manipulativer Gestaltung sich die Zustimmung der Seitenbesucher erschwindeln zu dürfen. Das sagt einiges darüber, wie wichtig ihm der Schutz deiner Daten wirklich ist.

Was du tun kannst

Der Ausweg steht heute also im selben Dialog, gleichwertig neben »Akzeptieren«: »Alle ablehnen«. Ein Klick, und der Datenstrom an die 30 Partner versiegt, soweit es um einwilligungs­pflichtige Werbe-Cookies geht. Die Inhalte des ORF bleiben dieselben – du hast ihn ja schließlich schon bezahlt.

Und beim nächsten Mal, wenn ein Cookie-Banner dir von Elektroautos und Wasserfarben erzählt, weißt du, worum es wirklich geht: nicht um deine Maltechnik, sondern um die Frage, wer demnächst weiß, wo du nach Feierabend bist.


Quellen

ORF.at. Cookie-Einstellungen / »Marketing Cookies« Beispieltexte und Anbieterliste (Stand 12. Juni 2026). 🌐

noyb. noyb-Erfolg: ORF.at muss irreführenden Cookie-Banner korrigieren Beschwerde 2021, DSB-Entscheid Oktober 2024, vom BVwG am 21. Mai 2026 bestätigt. 🌐

Die Presse / Jürgen Streihammer. Überwachungs-Experte: »Es ist heute unglaublich leicht, den Ruf eines Menschen zu zerstören« Interview mit Ronald Deibert, 6. Juni 2026. 🌐

Citizen Lab. Uncovering Webloc: An Analysis of Penlink's Ad-based Geolocation Surveillance Tech Report No. 191, 9. April 2026. 🌐

Ingo Dachwitz / netzpolitik.org. Nach unserer Berichterstattung: Datenschutzbehörden stellen Werbefirmen auf den Prüfstand Zur Xandr-Recherche und den Prüfungen deutscher Datenschutzbehörden, 16. Juni 2023. 🌐

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