Varia

... von Ihrem Expertich für eigentlich eh fast alles.


Mahü Neu - das Versagen der Medien

Wer einen medial ausgetragenen Konflikt vor Ort beobachten kann, wundert sich – vor allem über die Berichterstattung.

Was es nicht alles gibt: Da lebe ich jetzt schon monatelang in einer „Kampfzone“ (HEUTE, 28.3.2013) und merk nichts davon - und das bei dieser Bilanz: Bis zu 200 Tote und ein ausgebrannter 13A (DIE TAGESPERESSE, 28.8. 2013).

Im Ernst, was sich Medien – auch solche, die eigentlich keine Witzblätter sein wollen – bei diesem Thema leisten, ist ordentlich kurios. Folgend ein kleiner Auszug aus meiner Sammlung:

Die Mariahilfer Straße ist leider zu breit für eine Fußgängerzone

Relativ bald schon nach Beginn der Probephase beschwerte sich Hans RAUSCHER im Standard („Mariahilfer Strasse ohne Häme“), dass auf der „Fahrbahn“ der probeweise eingerichteten Fußgängerzone kaum Menschen gehen würden. Ein Vorwurf, der noch öfter auftauchen sollte – zuletzt erklärte der Standard sogar, dass die Mariahilfer Straße für eine Fußgängerzone leider zu breit (sic!) sei. Dem kann ich nun relativ einfach meine, auch mittels Video dokumentierte, Beobachtung entgegen halten, dass auf der „Fahrbahn“ je nach Auslastung der Gehwege sehr wohl auch gerne gegangen wird.

Die Fuzo in der angeblich niemand geht – und weil dort niemand geht, spielen sich ja auch die wildesten Konflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern ab. Im Bild ein ganz normaler Mittwoch mit „fast niemandem“ (© Hans Rauscher) auf der Straße (4.9.2013 ab 15:37) Mehrere Fußgänger und Radfahrer auf der Fahrbahn der provisorisch beruhigten Mariahilfer Straße.

Letztendlich stellt sich aber halt auch die Frage, ob die Anzahl der Fußgeher auf der Ex-Fahrbahn wirklich das alles entscheidende Qualitätskriterium sein muss. Mir als Fußgänger ist vor allem wichtig, dass ich nicht mehr im Mief der sich stauenden Autos darauf warten muss, die Fahrbahn überqueren zu dürfen. Wenn auf der Straße dann noch genug Platz für Radfahrer (und einen Bus?) bleibt, ist das ja nur positiv.

Maria wer hilft ihr

Eindeutig den Vogel abgeschossen hat aber der ORF mit seinem report, („Maria wer hilft ihr“ am 14.1.2014). Er beginnt mit einem älteren Ehepaar, das fremdenfeindliche Sprüche gegen die geplanten Sitzgelegenheiten in die Kamera sagen darf. Dann kommt eine Apotheke, die angeblich 20% Umsatzeinbuße durch den Probebetrieb erlitten hätte. Da es im Sechsten bisher keine Tradition gab, Fläschchen und Döschen mit dem Auto von der meist nur wenige Gehminuten entfernten Apotheken abzuholen, wurde ich neugierig und fragte nach. Das brachte dann Erstaunliches zu Tage: Diese Apotheke wurde wegen ihrer Spezialisierung auf bestimmte Krankheiten auch von Patienten, die ausserhalb des Bezirks wohnen angefahren - somit wäre der Umsatzeinbruch zunächst einmal plausibel. Gleichzeitig mit der Mahü Neu, wurden aber vor der Apotheke neue Gasleitungen im Boden vergraben, wodurch die Zufahrt erschwert wurde. Das wurde von der interviewten Apothekerin sehr wohl auch gegenüber dem report erwähnt. Aus dem Beitrag wurde die Aussage über die Baustelle wegen der neuen Gasleitungen dann aber herausgeschnitten und so die Umsatzeinbuße ausschließlich den Verkehrsberuhigungsmaßnahmen umgehängt. Seit kurzem sind die Gasleitungen im Boden, man kann die Apotheke wieder problemlos anfahren; jetzt sei es halt die negative Berichterstattung, die die Kunden davon abhält, überhaupt noch zu versuchen, in die Gegend zu fahren meint die Apothekerin in einem späteren E-Mail.

Inzwischen ist es also die manipulative Berichterstattung über die Mariahilfer Straße, die Probleme schafft, welche ohne diese Berichte so vielleicht gar nicht bestehen würden.

Planungschaos

Beliebt ist auch das angebliche „Planungschaos“ rund um diese Maßnahmen genüsslich auszuwälzen: Dass im Zuge einer Testphase laufend Veränderungen vorgenommen werden, liegt aber in der Natur einer Testphase und nicht an Planungsmängeln.

Auch die Belege für die Planungsmängel schwächeln, wenn man genauer hinsieht: Das vom oben schon erwähnten report effektvoll ins Bild gerückte, „falsch“ aufgestellte Verkehrszeichen steht goldrichtig, wenn man ein zweites Mal und genauer hinsieht - aus Autofahrerperspektive ist es unnötig, aus Radfahrerperspektive aber richtig, da diese dort auch gegen die Einbahn fahren dann aber nicht mehr rechts abbiegen dürfen.

Ein Standbild aus dem report-Beitrag: Dieses Verkehrsschild sei vergessenen worden abzumontieren. Gebotszeichen, links abbiegen.
Das gleiche Schild aus leicht anderer Perspektive zeigt, dass der Abbiegepfeil hier vollkommen richtig angebracht wurde. Eine T-Kreuzung: Im Vordergrund das Gebotsschild „links abbiegen“, im Hintergrund rechts das Schild „Einfahrt verboten“.

Wir sehen hier also keinen Verkehrsplanungsmangel, sondern wie sich Redaktionen jene Planungsmängel selber basteln, über die sie dann berichten.

Umstürzende Radfahrer

Von Eric FREY (Der Standard, 1.9.2013, „Vassilakous absurde Rad-Akrobatik“) wurde basierend auf der ja wirklich absurden Auffassung von Schrittgeschwindigkeit in Österreich (max. 5km/h) kurzerhand die Kompetenz der zuständigen Stadträtin in Frage gestellt und postuliert, dass die Radfahrer bei Schrittgeschwindigkeit leider umfallen würden. In einem ersten Impuls hätte ich ihm am liebsten Stützräder geschickt. Jetzt bin ich froh, das unterlassen zu haben, denn so ganz unrecht hatte er mit seiner Kritik an der Schrittgeschindigkeitsvorschrift nicht. Offen bleibt aber, wieso er Mängel in der der StVO einer Lokalpolitikerin angekreidet.

Alles super?

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich gibt es vieles, das schief gelaufen ist und verbessert gehört. Das beginnt bei dem offensichtlich nicht gelungen Dialog vor der Testphase und schließt ein, dass die als Befragung abgehaltene Abstimmung rechtlich nicht ganz sauber ist. Doch auch bei diesem Punkt wird von Seiten der Medien kaum vernünftig informiert und die Opposition ist wenig konstruktiv: Die Forderung, die Geschäftsleute mit abstimmen zu lassen, um die Befragung demokratischer zu machen, ist ein Witz. Genau das Gegenteil ist der Fall. Ein Stimmrecht für Geschäftsleute würde dazu führen, dass ich zum Beispiel zweimal abstimmen dürfte: Einmal als Bewohner und ein zweites mal als Inhaber eines Gewerbes mit Sitz im 6. Bezirk. Das wäre dann schon eine Entwicklung weg vom allgemeinen Wahlrecht hin zu einem Zensuswahlrecht, das die Stimmen je nach Vermögens- oder Einkommenslage gewichtet. Aus heutiger Sicht ein absoluter Unsinn, der 1907 abgeschafft wurde.

Ich kann mich auch nicht erinnern, dass die Bürger jemals eine so umfassende Mitsprachemöglichkeit eingeräumt bekommen hätten wie bei dieser Abstimmung. Selbst Details, wie Radfahrerverkehr und Querungen können ja noch an- oder abgewählt werden. Verglichen mit dem, was uns bisher als Politik verkauft wurde ist das allemal ein Fortschritt. Insofern hoffe ich, dass möglichst viele sich an der Befragung beteiligen, dem Vorhaben grundsätzlich einmal zustimmen und so dem Gesudere aus den Redaktionsstuben über politischen Stillstand ein Ende bereiten. Wenn in Österreich eine Politikerin endlich einmal Politik macht, sollte man das vielleicht auch anerkennen.

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