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Wer gefährdet wen? Ein neuer Blick auf Verkehrsunfälle in Österreich

Polizeiaussendungen systematisch auszuwerten liefert überraschende Antworten zur Frage, wer im Straßenverkehr eigentlich wen gefährdet.

Verkehrspolitische Diskussionen werden gern hochemotional geführt. Wer gefährdet wen? Wer verursacht die Unfälle? Wer sollte überwacht, wer reglementiert werden? Wer eine sachliche Antwort sucht, stößt schnell an Grenzen: Der Verkehrsunfallatlas der Statistik Austria Statistik-Austria-Unfallkarte liefert zwar Lage und Schwere von Unfällen, aber kaum Hinweise auf Verursacher. Pressemeldungen einzelner Vorfälle prägen wiederum das Bild stärker als jede Statistik. So entsteht der Eindruck, gefährlich seien vor allem die Anderen – wer auch immer gerade gemeint ist.

Mit taa.lantschner.name gibt es jetzt einen neuen Versuch, diese Lücke zu schließen.

Was die taa macht

Die Verkehrsunfall-Analyse (Trafic Accident Analysis, kurz taa) wertet die Presseaussendungen der Landes­polizei­direktionen systematisch aus. Jede Meldung wird eingelesen, kategorisiert und in eine durchsuchbare Datenbank überführt. Konkret übernimmt das KI-Modell Claude Haiku die Triage – ist die Meldung überhaupt ein Verkehrsunfall? –, Claude Sonnet extrahiert Beteiligte, Fahrzeugarten und den vermutlichen Hauptunfallverursacher. Prompts und Auswertungslogik sind auf der Seite offengelegt. Filterbar nach Bundesland, Jahr, Verkehrsmittel – und mit zwei Sichten:

  • »Verwickelt in« – wer war an Unfällen beteiligt?
  • »Verursacht von« – wer hat sie aus polizeilicher Sicht vermutlich verursacht?

Ein Klick auf die Balken im Diagramm führt zu den ursprünglichen Polizeiberichten. Damit ist für jeden nachvollziehbar, woher die Zahlen kommen. Fehl­ein­schätzungen können gemeldet und korrigiert werden.

Warum gerade Polizeiaussendungen?

Polizeiberichte sind keine Gerichtsurteile – das stellt auch die taa unmissverständlich klar. Aber sie sind die Sicht jener Behörde, die für die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung zuständig ist. Und diese Sicht ist für die verkehrspolitische Debatte allemal relevant – jedenfalls deutlich relevanter als die mediale Auswahl spektakulärer Einzelfälle.

Eine vergleichbare Auswertung war bisher schwer zu bekommen. Schon vor Jahren zeigte etwa Dominik Klausners Replik auf Ursula Stenzels Forderung nach Nummerntafeln für Räder, wie mühsam es ist, aus öffentlichen Quellen objektiv abzulesen, ob eine geforderte Über­wachungs­maßnahme überhaupt eine reale Gefahr adressiert. Die taa schließt da eine Lücke zumindest teilweise.

Erste Erkenntnisse

Zwei Befunde erschienen mir sofort bemerkenswert:

Wer gefährdet Fußgänger?

Fußgänger werden überwiegend von PKW angefahren – in 77 % aller erfassten Fälle. Mit deutlichem Abstand folgen LKW, und erst danach, mit nochmals großem Abstand, Fahrräder, E-Scooter und andere Fahrzeuge. Die populäre Erzählung vom »rüpelhaften Radler als Hauptgefahr für Fußgänger« hält dem Datenabgleich nicht stand.

Fußgängerunfälle österreichweit – Auswertung aller in Polizei­aussendungen veröffentlichten Fußgänger­unfälle in Österreich. Von 675 berichteten Fällen entfällt der weitaus größte Teil auf PKW. taa.lantschner.name

Wie sicher ist Radfahren in Wien?

Die Tagespresse »berichtete« jüngst, Radfahren in Wien sei besonders gefährlich. »Lebensmüder Stunt: Red Bull sponsert Wiener, der mit Rad zur Arbeit fährt.« Die Tagespresse Die Daten der taa erzählen eine andere Geschichte: In keinem anderen Bundesland sind Radfahrende so sicher unterwegs wie in Wien. Für 2025 weist die taa für Wien gerade einmal 8 Radunfälle aus, an denen Radfahrende vermutlich nicht selbst die Hauptverursacher waren – fünfmal davon war ein PKW im Spiel, zweimal ein LKW. Österreichweit sind es im selben Jahr 181 solcher Fälle. Bei rund einem Fünftel der Bevölkerung und einem überproportional hohen Radverkehrs­anteil ist das ein bemerkenswert kleiner Wien-Anteil.

Nicht selbst-verschuldete Fahrradunfälle in Wien 2025. Berichtete Radunfälle, bei denen Radfahrende nicht der vermutliche Hauptverursacher waren: insgesamt 8, davon 5 durch PKW, 2 durch LKW, 1 durch ein anderes Fahrrad. Zum Vergleich: Österreichweit waren es im gleich Zeitraum 181 Unfälle! taa.lantschner.name

Auch ich war überrascht – denn sicher fühle ich mich auf vielen Wiener Straßen nämlich nicht, und selbst neu gebaute Radwege haben ihre Fallstricke eingebaut. Aber das subjektive Sicherheitsgefühl und die statistische Realität sind eben zwei verschiedene Dinge – ein Punkt, der auch bei der Diskussion über das Radfahren auf der Mahü klar hervortritt.

Was die taa nicht ist

Die taa erhebt keinen Anspruch auf juristische Schuldfeststellung. Sie zeigt das polizeiliche Lagebild, soweit es öffentlich kommuniziert wird. Unfälle, die nicht in Aussendungen landen, fehlen. Die Verursacherzuordnung ist – wie auf der Seite ausdrücklich vermerkt – »nicht immer eindeutig«. Deshalb spricht die Auswertung konsequent vom vermutlichen Hauptunfallverursacher.

Diese Einschränkungen offen anzusprechen ist Teil des Konzepts. Wer mehr darüber wissen will, findet auf taa.lantschner.name/info Methodik, Datenquelle und Grenzen sauber dokumentiert.

Ausblick

Spannend wird der Abgleich mit anderen Quellen: Die Statistik Austria erfasst Unfälle als Vollerhebung – allerdings auch über die Polizei. Decken sich die Verteilungen? Wo weichen sie ab? Und warum? Hier gibt es noch viel zu tun. Mitarbeitende, die Daten querlesen, Prompts verbessern oder die Visualisierung weiterentwickeln möchten, sind willkommen.

Bis dahin: Wer das nächste Mal in einer Verkehrsdebatte mit pauschalen Schuldzuweisungen konfrontiert ist, hat eine Adresse mehr, an der sich nachsehen lässt. taa.lantschner.name.

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