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Nur jeder neunte Unfall: die taa auf dem Prüfstand

Eine Dunkelfeldanalyse beziffert, wie wenig die Polizeiaussendungen erfassen – und warum die Kernbefunde dem Gegencheck trotzdem standhalten.

Im April habe ich an dieser Stelle die Verkehrsunfall-Analyse (taa) vorgestellt – ein Werkzeug, das die Presseaussendungen der Landes­polizei­direktionen systematisch auswertet. Schon damals habe ich im Ausblick offen eine Schwachstelle benannt: Der Abgleich mit den Vollerhebungs­zahlen der Statistik Austria stehe noch aus, und genau dort entscheide sich, wie belastbar die taa wirklich ist.

Seither ist zweierlei passiert. Erstens beziffert eine Dunkelfeldanalyse nun erstmals, wie schmal die Datenbasis der taa tatsächlich ist. Zweitens haben die Reaktionen auf den Artikel gezeigt, wie hitzig es wird, sobald Zahlen die eigene Bequemlichkeit berühren. Beides gehört auf den Tisch – das für mich Unangenehme zuerst.

Selbstkritik zuerst: das Dunkelfeld

Die taa sieht nur, worüber die Polizei eine Aussendung verschickt. Wie klein dieser Ausschnitt ist, war bislang Schätzung. Jetzt liegt eine Zahl vor: Die Polizeiaussendungen erfassen nur rund 11 % aller Unfälle mit Personenschaden. Dies bitte nicht als Kritik an den Pressestellen der Landes­polizei­direktionen missverstehen, die mit ihren detaillierten Aussendungen wesentlich dazu beitragen, dass diese Auswertungen möglich sind. Konkret stehen den 37.825 Unfällen, die die Statistik Austria für 2025 verzeichnet, gerade einmal 4.103 in Aussendungen berichtete gegenüber – ein Erfassungsgrad von 10,8 %. Bei den Verletzten sind es 12,2 %. Rund neun von zehn Unfällen tauchen in keiner einzigen Aussendung auf.

Und die Lücke ist nicht zufällig verteilt, sondern systematisch verzerrt – in mehrfacher Hinsicht:

  • Schwere schlägt Routine. Bei den Getöteten liegt der Erfassungsgrad bei 71 %, bei den Leichtverletzten nur bei einem Bruchteil. Die Polizei berichtet eher über das Außergewöhnliche als über den Blechschaden mit Schleudertrauma.
  • Auto vor Rad. PKW-Unfälle landen häufiger in Aussendungen (16,3 % der Verletzten) als Rad- (4,7 %) oder E-Scooter-Unfälle (5,2 %). Bei E-Bikes ist sogar nur knapp ein Drittel der Todesfälle erfasst – Allein­stürze ohne Gegner passen schlecht in eine berichtenswerte Geschichte.
  • Bundesland-Lotterie. Tirol kommt auf 24,8 % erfasste Unfälle, Kärnten auf 20 %, Wien dagegen nur auf 2,4 %, das Burgenland auf 1,4 %. Zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Wert liegt der Faktor 18. Niederösterreich stellt 19 % aller Unfälle, ist in den Aussendungen aber nur mit 5,7 % vertreten.

Das ist genau die schwache Stelle, die ich von Anfang an aktiv kritisch gesehen habe – und sie ist schlimmer, als ein bloßer Stichproben­effekt es wäre. Die Pressestellen leisten mit ihren akribisch verfassten Berichten hervorragende Arbeit aber die Auswahl der Unfälle wirkt als erheblicher Filter. Wer das nicht deutlich dazusagt, baut auf Sand. Die vollständigen Zahlen und die Methodik stehen im Bericht zur Dunkelfeldanalyse.

Wer hat wen verletzt? – April 2026. Die Auswertung eines einzelnen Monats, wie sie auf FragNebenan geteilt wurde und die Diskussion auslöste. Solche absoluten Zahlen beruhen auf jenem schmalen Ausschnitt, den die Polizeiaussendungen überhaupt abbilden. taa.lantschner.name

Was heißt das für die Kernbefunde?

Hält die taa dieser Selbstkritik stand? Sehen wir uns die beiden Befunde aus dem April-Artikel einzeln an.

Der erste lautete: Fußgänger werden überwiegend von PKW angefahren. Hier ist Vorsicht geboten. Da Aussendungen PKW-Unfälle eher überzeichnen, könnte der damals genannte Anteil von 77 % leicht zu hoch gegriffen sein. Doch der Abstand zu allen anderen Verkehrsmitteln ist so groß, dass selbst eine spürbare Korrektur an der Rangfolge nichts ändert. Die populäre Erzählung vom Radfahrer oder E-Scooter als Hauptgefahr für Fußgänger bleibt widerlegt.

Der zweite Befund – Radfahren in Wien ist vergleichsweise sicher – stand auf besonders dünnem Eis, und das muss man offen sagen: Ausgerechnet Wien hat mit 2,4 % den zweitniedrigsten Erfassungsgrad. Die damals genannten »nur acht Radunfälle« sind also auch ein Effekt dessen, dass die Wiener Polizei relativ selten über Verkehrsunfälle berichtet. Aus der taa allein lässt sich eine spezielle Wiener Radlsicherheit nicht beweisen. Dafür braucht es den Gegencheck.

Der Gegencheck: Statistik Austria 2025

Die Statistik Austria hat Mitte Mai ihre Zahlen für 2025 vorgelegt Statistik Austria, Pressemitteilung 14 179-098/26 vom 13. Mai 2026: »Mehr Verkehrstote und Verletzte 2025«. – eine Vollerhebung aller Unfälle mit Personenschaden, ebenfalls von der Polizei gespeist, aber eben lückenlos statt ausschnitthaft. Und sie stützt den Wien-Befund deutlich:

Wien zählte 2025 nur 15 Verkehrstote – den niedrigsten Absolutwert aller Bundesländer, bei rund einem Fünftel der österreichischen Bevölkerung. Zum Vergleich: Niederösterreich verzeichnete 111 Tote, allein 28 % aller Verkehrstoten des Landes. Pro Kopf ist Wien damit mit weitem Abstand das sicherste Bundesland – ganz unabhängig davon, wie viele Aussendungen die Wiener Polizei verschickt. Der über die taa nur schwach belegbare Befund wird von der Vollerhebung also bestätigt.

In einem Punkt mahnt die Vollerhebung allerdings zur Differenzierung. Österreichweit sind die getöteten Radfahrer 2025 von 32 auf 65 gestiegen – eine Verdoppelung, je zur Hälfte auf muskelbetriebene Räder und E-Bikes entfallend. Das ist ein ernstes Signal, betrifft aber vor allem Landstraßen und ältere E-Bike-Fahrer, nicht den urbanen Konflikt PKW gegen Radler, um den die April-Debatte kreiste. Die Wiener Zahlen gingen im selben Jahr sogar zurück (von 20 auf 15 Tote insgesamt).

Die Reaktionen

Bleibt das zweite Thema: der Ton. Schon der vorsichtig formulierte April-Artikel hat auf FragNebenan Reaktionen ausgelöst, die in einem auffällig sind – ihrer Heftigkeit. Bemerkenswert ist, wie scharf zurückgeschossen wird, sobald Fakten zur Diskussion gestellt werden, die für die eigene Bequemlichkeit bedrohlich werden könnten – und sei es nur, eine veränderte Faktenlage zur Kenntnis nehmen zu müssen.

Argument oder Reflex? Die erste Reaktion auf den geteilten Artikel – ohne ein einziges Gegenargument. Genau solche pauschalen Abwehrreflexe sind der Grund, warum es ein Werkzeug wie die taa überhaupt braucht. FragNebenan

»Blödsinn! Ideologisch verzerrte Darstellung« – so der erste Kommentar, ganz ohne Gegenargument. Andere steuerten Anekdoten bei: die Geschichte vom Radfahrer, der über den Ring rast und eine Straßenbahn zur Notbremsung zwingt. Das mag genau so passiert sein – aber es ist exakt jene urbane Legende vom Einzelfall, gegen die die taa ein Gegengewicht sein will. Und wer Zahlen vorlegt, wird flugs zum »Autohasser« erklärt.

Ein Einwand allerdings verdient es, ernst genommen zu werden, auch wenn er polemisch verpackt war. Eine Kommentatorin verwies auf die intervenierende Variable – die Verkehrsleistung. Und damit hat sie im Kern recht: Die taa zeigt absolute Fallzahlen, nicht Unfälle je gefahrenem Kilometer oder je Reise. Wenn vielfach mehr PKW als Räder unterwegs sind, sagt eine absolute Mehrheit an PKW-Unfällen für sich genommen noch wenig über das Risiko pro Fahrt aus. Das ist eine berechtigte methodische Einschränkung, die für sich eine Diskussion wert wäre. Beim Wien-Befund ist sie ansatzweise berücksichtigt – der überproportional hohe Radverkehrs­anteil macht die niedrige Unfallzahl bei diesem Verkehrsmittel erst wirklich aussagekräftig. Eine saubere Normierung über alle Auswertungen hinweg steht aber noch aus und es ist fraglich, ob sie überhaupt möglich ist. Bezeichnend bleibt: Dieser eine substanzielle Gedanke ging im Schwall der Reflexe beinahe unter.

Im Fediverse oder auf Orbyz wurden die Zahlen bisher neutral oder mit einer gesunden Skepsis aufgenommen und manch interessante Nachfrage diskutiert: Bspielsweise wie es zu Fußgänger/Fußgänger-Unfällen kommt? Kleiner Tipp: Das sind Unfälle mit nur einem Fußgänger, der sowohl den Unfall verursacht als auch das alleinige Opfer dieses Unfalls ist. Klassiker: Gegen eine Straßenbahn gelaufen.

Fazit

Die taa steht – das war von Anfang an klar und ist jetzt beziffert – auf einer schmalen Datenbasis. Sie sieht nur jeden neunten Unfall, und sie sieht ihn verzerrt. Das offen einzugestehen ist kein Eingeständnis der Wertlosigkeit, sondern Voraussetzung dafür, sie richtig zu lesen.

Denn wo sich die taa gegen die Vollerhebung der Statistik Austria prüfen lässt, halten ihre Kernaussagen stand: Wien ist im Bundesländer­vergleich auffällig sicher, und die Hauptgefahr für Fußgänger geht nicht von Radlern oder Rollern aus. Wo die Datenbasis dünn ist, sage ich es dazu – und genau das unterscheidet eine Auswertung von einer urbanen Legende. Die Heftigkeit mancher Reaktionen ist dabei weniger ein Argument gegen die taa als vielmehr die beste Begründung für sie.

Zu tun bleibt genug: die Normierung auf die Verkehrsleistung, der laufende Abgleich mit der Vollerhebung, das Auffinden neuer Datenquellen. Mitarbeitende, die mitdenken, querlesen und kritisieren wollen – gerade sachlich kritisieren –, sind weiterhin willkommen! taa.lantschner.name.

Quellen

Statistik Austria. Mehr Verkehrstote und Verletzte 2025 Pressemitteilung 14 179-098/26 vom 13. Mai 2026. 🌐

Ingo Lantschner / taa. Dunkelfeldanalyse 2025 Vergleich der Polizeiaussendungen mit der Vollerhebung der Statistik Austria. 🌐

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