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Ist Schweden am besten durch die Pandemie gekommen?

Eine Ja/Nein-Abstimmung über eine Frage, deren Antwort von Zeitraum und Bewertungskriterium abhängt.

Ich wurde heute gefragt, also eigentlich aufgefordert (das entnehme ich dem Ausrufezeichen am Ende): »These: Von allen mit Österreich vergleichbaren Ländern ist Schweden am besten über die Pandemie gekommen!«. Abstimmen möge ich bitte mit Daumen rauf/runter – also ja oder nein.

Meine Begeisterung ob solcher Abstimmungen hält sich in Grenzen: Ein so komplexes Thema in einen einzigen Satz gepackt, das kann nur in einem unter­komplexen Ergebnis enden. Aber nehmen wir es zum Anlass, uns mit dem Thema auseinander zu setzen.

Was sagen die Zahlen?

Zur Sterblichkeit (die meistzitierte Kennzahl): Bei der kumulativen Über­sterb­lich­keit 2020–2022 lag Schweden mit 139 Todes­fällen pro 100.000 Einwohner unter 50 europäischen Ländern auf dem siebtniedrigsten Platz – also im unteren, günstigen Bereich, aber nicht klar besser als die Nachbarn: Norwegen lag bei 107, Dänemark bei 68, Finnland bei 188. Dänemark schnitt also besser ab als Schweden, obwohl es einen strengeren Lockdown hatte.

Österreich kommt auf 257 pro 100.000 – knapp doppelt so viel wie Schweden.

Land Über­sterb­lich­keit 2020–2022
Dänemark 68
Norwegen 107
Schweden 139
Finnland 188
Österreich 257

Unterschiedlich ist auch die zeitliche Verteilung: Schweden erlebte seine Über­sterb­lich­keit vor allem 2020, während Dänemark, Finnland und Norwegen ihre Über­sterb­lich­keit erst 2022 erlebten. Schweden hat also den »Schmerz« früher und konzentrierter erlebt statt über die Jahre verteilt.

Beim Blick auf die einzelnen Jahre sieht das Bild anders aus: Die Über­sterb­lich­keit war in Schweden höher als in Dänemark, Finnland und Norwegen, und zwar in der Anfangsphase 2020, mit hoher Betroffenheit von Pflege­heim­bewohnern. Für die Jahre 2021 und 2022 kehrt sich das um: Da lag Schwedens Über­sterb­lich­keit mit 67 pro 100.000 an vierter Stelle in Europa – nur Luxemburg, Liechtenstein und Andorra lagen darunter.

Was für die These spricht

  • Kein harter Lockdown → geringere wirtschaftliche Einbußen, keine Schul­schließungen, weniger Kollateral­schäden bei psychischer Gesundheit, Bildung und sozialer Isolation (besonders bei Kindern und älteren Menschen).
  • Diese »weichen« Kosten sind schwer zu messen, fließen aber in eine Gesamtbilanz mit ein, die für bspw. Österreich (mit strengeren Lockdowns) ungünstiger ausfallen könnte.

Das Problem: Das sind (plausible) Schlussfolgerungen, die aber schwer nachweisbar sind. Hier von »Evidenz« zu sprechen, halte ich für Wunschdenken.

Was dagegen spricht

  • Die höhere Sterblichkeit bei Pflege­heim­bewohnern 2020 in Schweden wird oft als vermeidbares Politik­versagen gewertet, nicht als Erfolg der Strategie. Die schwedische Corona-Kommission kam schon im Dezember 2020 zu diesem Schluss – und selbst die Verteidiger des Sonderwegs räumen ein, dass Schweden beim Schutz der Alten »largely failed« habe (wenn auch, wie sie hinzufügen, »like many other countries«); 40 % der COVID-Todesfälle entfielen auf Pflegeheime.
  • Vergleichbarkeit mit Österreich ist begrenzt: andere Bevölke­rungs­dichte, andere Struktur der Altenpflege – und keine parteipolitisch organisierte Opposition gegen die Maßnahmen. Schwedens Rechts­populisten forderten in der Frühphase strengere staatliche Eingriffe, nicht lockerere. Bei der Impfquote sind beide Länder fast gleich – Ende 2022 hatten 72 % der Schweden und 74 % der Österreicher die Grund­immuni­sierung abgeschlossen.
  • »Am besten« hängt stark sowohl von der gewählten Zeitspanne ab – 2020 schlechter, später dann besser – aber vor allem die Bewer­tungs­kriterien spielen eine wesentliche Rolle.

Fazit

Der Superlativ »am besten« macht es letztendlich einfach: Nein, Schweden ist nicht am besten durch die Pandemie gekommen. Die dahinterstehende und eigentlich interessantere Frage, ob andere Länder sich etwas abschauen könnten, wäre wiederum klar mit ja zu beantworten. Aber, was wollen wir uns abschauen? Meine Favoriten sind, so wie die Schweden Impfen zu gehen, ohne sich lange bitten zu lassen und keine Parteien zu wählen, die aus reinem Opportunismus heraus an sich sinnvolle Maßnahmen bekämpfen. Letzteres ist aber wohl ein länger­fristiges Projekt, das vor allem voraussetzt, dass unsere Mitbürger verstärkt Verant­wortung für sich selber übernehmen (dürfen). Da hat Österreich in meinen Augen großen Nachhol­bedarf und wir werden uns dieses Recht auf Selbstverantwortung zum Teil auch erkämpfen müssen.

Quellen

Alle Übersterblichkeitswerte: eigene Auswertung von Our World in Data, Stand 25.12.2022, 50 europäische Länder. Je nach Methode und Stichtag schwanken die Werte – die Frontiers-Übersicht nennt für Schweden 158 statt 139 –, die Reihung der Länder bleibt.

Our World in Data. Cumulative excess deaths per million (projected baseline, all ages) Datengrundlage der Tabelle und der Rangplätze. Rohdaten im Arbeitsordner dieses Artikels. 🌐

Björkman, Anders; Gisslén, Magnus; Gullberg, Martin; Ludvigsson, Johnny. Frontiers in Public Health 11, 2023. The Swedish COVID-19 approach: a scientific dialogue on mitigation policies Als »Perspective« ausgewiesener Positionsbeitrag von Verteidigern des schwedischen Wegs, keine Originalforschung. Quelle für den Stringency-Index (Dänemark 72, Schweden 65) und für das Eingeständnis zu den Pflegeheimen. 🌐

Forthun, Ingeborg et alia. European Journal of Public Health 34(4), 2024. Excess mortality in Denmark, Finland, Norway and Sweden during the COVID-19 pandemic 2020–2022 Originalstudie mit Registerdaten, alters- und geschlechtsstandardisiert. Belegt die zeitliche Verteilung; enthält Österreich nicht. 🌐

Kulin, Joakim; Johansson Sevä, Ingemar. Scandinavian Political Studies, 2024. Rightwing populism and public opinion on the Covid-19 pandemic in Sweden Untersucht öffentliche Meinung, nicht Sterblichkeit. Belegt, dass die schwedische rechtspopulistische Partei früh strengere Maßnahmen forderte. 🌐

Coronakommissionen (staatliche Untersuchungskommission, Schweden). Delbetänkande 1, SOU 2020:80. Äldreomsorgen under pandemin Zusammenfassung auf Englisch. 🌐

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