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Der Murray-Gell-Mann-Amnesie-Effekt

Wir erkennen die Fehler in Artikeln über unser eigenes Fachgebiet – und halten den Rest der Zeitung trotzdem für verlässlich. Warum tun wir das?

Wer einen Zeitungs­artikel über das eigene Fachgebiet liest, merkt meist sofort, wie viel daran nicht stimmt – und liest zwei Seiten weiter trotzdem so, als wäre der Rest des Blattes verlässlich. Michael Crichton hat dieses Verhalten in einem Vortrag im April 2002 beschrieben und ihm den Namen Murray-Gell-Mann-Amnesie-Effekt gegeben.

Michael Crichton, 11. April 2002 Aufgenommen an der Harvard Medical School, wo er über »The Media & Medicine« sprach – zwei Wochen vor dem hier zitierten Vortrag in La Jolla. Jon Chase, Harvard News Office, CC BY-SA 3.0

Medien besitzen eine Glaubwürdigkeit, die völlig unverdient ist. Sie alle haben das schon erlebt, in dem, was ich den Murray-Gell-Mann-Amnesie-Effekt nenne. (Ich nenne ihn so, weil ich einmal mit Murray Gell-Mann darüber gesprochen habe, und indem ich einen berühmten Namen fallen lasse, verleihe ich mir selbst und dem Effekt eine größere Bedeutung, als er sonst hätte.)

Kurz gesagt, der Gell-Mann-Amnesie-Effekt funktioniert folgendermaßen: Sie schlagen die Zeitung bei einem Artikel über ein Thema auf, das Sie gut kennen. Bei Murray war es Physik. Bei mir das Showbusiness. Sie lesen den Artikel und stellen fest, dass der Journalist weder die Fakten noch die Zusammenhänge auch nur ansatzweise versteht. Oft ist der Artikel so falsch, dass er die Geschichte tatsächlich verkehrt herum darstellt — Ursache und Wirkung vertauscht. Ich nenne das »nasse Straßen verursachen Regen«-Geschichten. Die Zeitungen sind voll davon.

Wie auch immer, Sie lesen mit Verärgerung oder Belustigung die zahlreichen Fehler in einer Geschichte, blättern dann zur nationalen oder internationalen Berichterstattung um und lesen so, als wäre der Rest der Zeitung über Palästina irgendwie zuverlässiger als der Unsinn, den Sie gerade gelesen haben. Sie blättern um und vergessen, was Sie soeben erfahren haben und wissen.

Das ist der Gell-Mann-Amnesie-Effekt. Ich möchte darauf hinweisen, dass er in anderen Lebensbereichen nicht auftritt. Im gewöhnlichen Leben, wenn jemand Sie ständig belügt oder übertreibt, glauben Sie ihm bald gar nichts mehr. Vor Gericht gibt es den Rechtsgrundsatz falsus in uno, falsus in omnibus, was bedeutet: unwahr in einem Punkt, unwahr in allen. Aber bei Medien, glauben wir entgegen aller Beweise, dass es sich wahrscheinlich lohnt, auch die übrigen Teile der Zeitung zu lesen. Obwohl es das mit ziemlicher Sicherheit nicht tut. Die einzig mögliche Erklärung für unser Verhalten ist Amnesie.

Michael Crichton, »Why Speculate?«, International Leadership Forum, La Jolla, 26. April 2002 – Auszug, eigene Übersetzung

Zur Einordnung: Crichton Michael Crichton (1942–2008) schloss die Harvard Medical School 1969 als Mediziner ab, praktizierte aber nie. Bekannt wurde er als Romanautor – Jurassic Park stammt von ihm, die Verfilmung dagegen von Steven Spielberg. Regie führte Crichton bei anderen Filmen, etwa Westworld und Coma. Der Vortrag »Why Speculate?« ist kein wissenschaftlicher Text, sondern eine Rede – er kündigt darin selbst an, seine Thesen ohne Belege vorzutragen. führt seine Beobachtung selbst ohne Belege ins Feld.

Murray Gell-Mann (1929–2019), nach dem der Effekt benannt ist, erhielt 1969 den Nobelpreis für Physik für seine Beiträge zur Klassifikation der Elementar­teilchen und ihrer Wechsel­wirkungen. Mit dem Effekt hat er nichts weiter zu tun, als dass Crichton einmal mit ihm darüber gesprochen hat – was Crichton in der zitierten Klammer selbst einräumt.

Quellen

Michael Crichton. Why Speculate? Englisches Original des zitierten Auszugs. Vortrag beim International Leadership Forum, La Jolla, 26. April 2002. Textkopie auf einer privaten Website; die ursprüngliche Veröffentlichung in THE GREAT IDEAS ONLINE, Juli 2005, Nr. 332, ist nicht mehr erreichbar. 🌐

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