Varia

... von Ihrem Expertich für eigentlich eh fast alles.


„Wirbel“ auf der Wientalterrasse

Ein klassischer Nutzungskonflikt im urbanen Raum.

„…die Leut' werden immer mehr und die Menschen immer weniger.“

Eine Anwohnerin
Wientalterrasse – erbaut 2015 als Grün-, Frei- und Erholungsraum für die Bewohner der angrenzenden Bezirke. Blick in den Wienflusskanal, links eine Terrasse mit Menschen im Nachmittagslicht.

Die Wientalterrasse dient seit 2015 den Bewohnern des dicht verbauten 5. und 6. Bezirks als Grün-, Frei- und Erholungsraum. Doch sie hat nicht nur Freunde – Anwohner fühlen sich vom Lärm der sich nächtens dort versammelnden Menschen gestört. Als Ruhestörer werden vor allem „feiernde Jugendliche“ ausgemacht. 🏳️‍🌈 →„Gendern“ - geschlechterbewusster Sprachgebrauch

In einer Diskussion auf Fragnebenan zu diesem Thema werden bald Zweifel laut, wie es denn möglich sei, das Geschnatter weit entfernter junger Menschen irgendwo unter dem Fenster überhaupt noch zu hören, wenn daneben eine zweispurige, stark befahrenen Straße liegt. Die in der Diskussion verlinkten Zeitungsartikel bekannter Boulevardmedien gehen auf diesen Punkt erst gar nicht ein oder bleiben unlesbar hinter einer Paywall. So tragen sie zur Klärung dieser zentralen Frage auch nichts bei. Kleinkind am Fahrrad, zwei Personen am Boden bzw. auf einer Bank rund um einen Pflanztrog mit Gräsern sitzend. Häuserzeile im Hintergrund. Tagsüber wird die Terrasse – wie intendiert – vor allem von Ruhe und Entspannung suchenden Menschen aufgesucht.

Klarheit bringt dann ein Gespräch, das ich vor Kurzem mit einer Betroffenen führen durfte: Der tagsüber massive Verkehrslärm – zu den zwei Spuren der Linken Wienzeile gesellen sich ja noch die U4 plus die rechte Wienzeile sowie die Dauerbaustellen für die U‑Bahn­erweiterung – dieser Lärm reduziert sich im späteren Tagesverlauf doch erheblich. Zumindest in den höher gelegenen Wohnungen ist er nachts nur noch als dezentes Rauschen zu vernehmen – ein Rauschen an das Anwohner sich gewöhnt haben und das allenfalls vom Tatü der gelegentlich vorbeikommenden Einsatzfahrzeuge kurz unterbrochen wird.

Terrasse im Dunklen von oben gesehen. Nächtliche Veranstaltung auf der Terrasse um 22:00 aus der Sicht eines Anwohners . →Video ansehen und hören Auf der Wientalterrasse hingegen werden in unregelmäßigen Abständen des Nachts immer wieder größere Menschen­gruppen, ausgerüstet mit kräftigen Musik­wiedergabe­geräten, aktiv. Letztere machen das, wozu sie gebaut wurden – viel Lärm. Auch Veranstaltungen mit Profigeräten haben dort schon stattgefunden. „Da beben dann die Fenstergläser!“, erzählt man mir. Ich bekomme auch ein Video überreicht, welches laut Angabe des Aufnehmenden eine Veranstaltung der Sozialistischen Jugend zeigt. In diesem Fall würde es sich um eine genehmigte Veranstaltungen handeln, woraus wir schließen müssten, dass von offizieller Seite diese Form der Nutzung zumindest geduldet wird.

Doch auch ohne elektrische Unterstützung kann es laut werden. Bei Gruppen korrelieren Schall- und Alkoholpegel stark, wie in jedem Wirtshaus unschwer zu beobachten ist. Hinzu kommt, dass die Lautstärken der verschiedenen Gruppen sich natürlich auch gegenseitig in die Höhe schrauben. Um sich in einer lauten Umgebung noch verständigen zu können, muss man selber eben auch lauter werden.

Terrasse im Dunklen von oben gesehen Skateboards machen leider mehr Lärm als gemeinhin angenommen wird. Nachts übertönen sie problemlos den Straßenverkehr der Wienzeile und eine gerade durchfahrende U-Bahn. →Video ansehen und hören Eine weitere Lärmquelle sind Skateboards, die beim Aufprall auf harte Flächen materialbedingt ein knallendes Geräusch von sich geben. Solche unregelmäßig auftretende Schallereignisse stechen aus dem nächtlichen Hintergrundrauschen deutlich hervor und machen es nachvollziehbar schwer, sich daran zu gewöhnen.

Dass es Menschen gibt, die mit solchen Lärmkulissen gut zurecht kommen, ist evident. Genau so klar ist aber auch, dass es andere gibt, welche auf Grund persönlicher, gesundheitlicher, beruflicher oder anderer Umstände unter dieser Lärmkulisse so leiden, dass sie ernsthaft erkranken oder wegziehen müssten. Was für die einen keine große Sache ist, kann für andere eher schwieriger bis unmöglich sein. Speziell älteren Menschen, die in ihrer gewohnten Umgebung noch viele Jahre selbständig leben könnten, sollten nicht wegen eines zur Partyzone umfunktionierten Erholungsgeländes ins Seniorenheim abgedrängt werden.

Lösen lässt sich dieser Konflikt vielleicht, wenn wir uns darauf besinnen, wofür die Terrasse eigentlich gebaut wurde: „zusätzliche Erholungsräume zu bieten“ auch Grün- oder Freiräume, letztere definiert als „Raum, wo man das Leben im Freien genießen kann“ (Zitat Grünes Wahlprogramm 2015) und nicht als Raum zum die 🐖 rauslassen. . Dafür wird diese wunderschöne Terrasse ja auch von der überwiegenden Anzahl der Menschen tagsüber genutzt und geschätzt. Die Zahl der nächtlichen Partygäste dürfte im Vergleich wohl vernachlässigbar gering sein. Im übrigen sorgen jene, welche dort laut auftreten automatisch dafür, dass leisere Gemüter sich verdrücken oder gar nicht mehr kommen. Es findet also auch auf der Terrasse eine Verdrängung zu Gunsten der lautstarken Nutzung statt.

Schild mit Aufschrift: Bitte achten Sie auf die Ruhebedürfnisse der AnrainerInnen. Teilweise übermalt. Netter Versuch – aber offensichtlich nicht ausreichend. Wie wäre es stattdessen mit einer Liste der „Do's and Don'ts“ plus konsequenter Durchsetzung derselben? Ärgerlich finde ich, wenn statt das eigentliche Problem, die nächtliche Ruhestörung zu benennen und zu lösen, dieser Nutzungs­konflikt missbraucht wird, die Schaffung solcher Flächen an sich schlecht zu machen. Eines der oben erwähnten Medien untertitelt seine Geschichte mit: „Die Bezirksvertretung kommt dem Sperrstunden-Wunsch nicht nach. Im Gegenteil: Sie will mehr Terrassen.“  Damit werden Gegensätze konstruiert, die so nicht bestehen: Weder ist eine Sperrstunde die einzig denkbare Lösung noch wird es für die Anwohner hier leiser, wenn wo anders keine solchen Erholungsräume mehr gebaut werden würden.

Eine Sperrstunde würde es den vielen, welche zu später Stunde noch im Freien sitzen wollen, verunmöglichen, diese Terrasse als Freiraum zu nutzen. Dass Gespräche in normaler „Zimmerlautstärke“ sich vom Umgebungslärm abheben, ist schwer vorstellbar und wäre daher unproblematisch. Warum also fordert man eine „Sperrstunde“?

Was also schleunigst abgestellt gehört, sind Versammlungen, welche zu später Stunde dort mehr Lärm verursachen als sich durch die Verkehrssituation schon ergibt. Wer gerne zu wummernden Bässen tanzt & jubelt, soll das bitte machen – nur halt nicht an Orten, von denen aus die Tanzmusik anderen ins Schlafzimmer dröhnen muss. Überall sonst würden solche Veranstaltungen ja auch beendet. Die Frage, die wir Gesetzgebern und Exekutive also stellen sollten, lautet: Warum wird auf der Wientalterrasse die Einhaltung Nachtruhe nicht durchgesetzt – so wie sonst überall auch? Unabhängig davon darf natürlich auch die Frage gestellt werden, warum Erholungsräume nicht näher am Wienfluss gebaut werden. Doch das ist dann wirklich →eine andere Geschichte

Was dieser Geschichte bisher fehlt, ist die Sichtweise derer, die auf der Terrasse feiern oder sonst wie Lärm verursachend sich aufhalten. In der diesem Artikel zu Grunde liegenden Diskussion auf Fragnebenan wurde nur über diese Leute geschrieben. In den Artikeln der Boulevardmedien kommen auch nur „Terrassengegner“ zu Wort. Mir selbst fehlt bisher der Zugang. Gerne trage ich aber Wortmeldungen hier noch nach! Eine Anfrage an den Pressesprecher der Sozialistischen Jugend betreffend das obige Video wurde von diesem bisher leider nicht beantwortet. Interessant wäre zum Beispiel zu wissen, ob es alternative, besser geeignete Orte für solche, selbst oder spontan organisierten Zusammenkünfte gibt. Denn um das geht es eigentlich, wenn von „konsumfreien Räumen“ gesprochen wird: Räume die nicht schon irgend jemandem gehören, der die Nutzung vorgibt und dafür bezahlt werden will.

Quellen

https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/architektur/oeffentlicher-raum/strassen-plaetze/wientalterrassen.html

Wahlprogramm der Grünen Wien 2015, Seite 22ff

Kontakte zu Behörden & Politik

Betroffene können sich an folgende Stellen wenden.

Bezirksvorsteherin Silvia Jankovic

Schönbrunner Straße 54, 1050 Wien
Telephon +43 1 4000 0511
E-Mail post@bv05.wien.gv.at

Den Bezirksvorstehern und den gewählten Bezirksvertretungen obliegt in Wien unter anderem das Pflichtschulwesen, Ortsverschönerung, Straßen etc. Kompetenzen und Budget werden von der Stadt zugewiesen.

Landespolizeidirektion Wien

Notruf 133 im konkreten Anlassfall. ungebührliche Lärmerregung auf oesterreich.gv.at

Die Zuständigkeit des Notrufes für „ungebührliche Lärmerregung“ ergibt sich aus dem Umstand, dass dieser strafbar ist.

Büro für Öffentlichkeitsarbeit, Referat Bürgerinformation
Schottenring 7-9, 1010 Wien
Telephon +43 1 31310 78900
LPD-W-Ref-Buergerinformation@polizei.gv.at

Die Bürgerinformation der LPD-Wien nimmt beispielsweise Beschwerden über Polizeibeamte oder allgemeine Fragen entgegen, bei denen die Bürger nicht wissen, welche Polizeidienststelle zuständig ist. Dieses Büro zu kontaktieren ergäbe allenfalls Sinn, um sich über einen konkreten Polizeieinsatz zu beschweren.

Bürgermeister

Dr. Michael Ludwig
Wiener Landesregierung
Lichtenfelsgasse 2, 1010 Wien
Telephon +43 1 4000 81111
E-Mail michael.ludwig@wien.gv.at

In Wien ist der Bürgermeister auch Landeshauptmann, die Mitglieder des Gemeinderats sind zugleich Abgeordnete des Landtags. Er wird vom Gemeinderat für eine Amtszeit von 5 Jahren gewählt. Nach Ansicht der Volksanwaltschaft fällt dieser Konflikt in seinen Bereich.

Volksanwaltschaft

Volksanwaltschaft
Singerstraße 17, 1015 Wien
Telphon +43 1 51505
Kostenlose Service-Nummer 0800 223 223
E-Mail post@volksanwaltschaft.gv.at

Die aus drei Mitgliedern bestehende Volksanwaltschaft in Österreich ist als parlamentarischer Ombudsrat zur Kontrolle der öffentlichen Verwaltung eingerichtet. Sie steht allen Menschen bei Problemen mit Behörden kostenlos zur Verfügung, die sich durch Organe der Verwaltung ungerecht behandelt fühlen und bereits alle Rechtsmittel ausgeschöpft haben.

Nicht zuständig fühlen sich …

… den bisher eingetroffenen Rückmeldungen nach: Markus Rumelhart, Bezirksvorsteher 1060 Wien und interessanter Weise auch die Gebietsbetreuung Ost.

Weiterhin interessiert …

… wenn auch nicht zuständig, ist der →Autor dieses Artikels.

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