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Die taa sieht jetzt alle Unfälle

Die Verkehrsunfall-Analyse stützt sich nicht mehr nur auf Polizeiaussendungen, sondern auch auf die lückenlose Vollerhebung der Statistik Austria – filterbar bis auf Bezirksebene.

Die vor kurzem hier vorgestellte Verkehrsunfall-Analyse (traffic accident analysis, kurz taa) Wer gefährdet wen? Ein neuer Blick auf Verkehrsunfälle in Österreich , wertete Presse­aussendungen der Landes­polizei­direktionen aus. Der Schwachpunkt dabei: Presse­aussendungen erfassen nur rund 11 % aller Unfälle mit Personen­schaden. Nur jeder neunte Unfall: die taa auf dem Prüfstand Neun von zehn Unfällen hatte die taa bisher nicht gesehen – und diesen kleinen Ausschnitt, sah sie auch noch verzerrt.

Verkehrsunfallanalysen leicht gemacht – mit verschiedenen Filtern, lassen sich selbst exotische Fragestellungen, wie die Gefährdung von Traktoren durch Fahrräder, statistisch abklären. taa

Diese Lücke konnte nun durch eine weitere Datenbasis, die Vollerhebung der Statistik Austria, geschlossen werden. Beide Auswertungen sind ab sofort unter taa.lantschner.name abrufbar.

Was ist eine Vollerhebung?

Eine Vollerhebung ist keine Stichprobe, sondern erfasst jeden einzelnen Unfall. Die Statistik Austria zählt so jeden Verkehrsunfall mit Personen­schaden, der den Behörden bekannt wird – unabhängig davon, ob eine Presseaussendung über diesen Fall verschickt wurde oder nicht. Für 2025 sind es 37.825 Unfälle. Die taa auf Basis der Aussendungen kannte davon nur 4.103.

Damit fällt das Dunkelfeld weg, das Presse­aussendungen inhärent anhaftet: keine Vorauswahl durch eine Pressestelle mehr, keine Übergewichtung des Spektakulären, keine Bundesland-Lotterie. Der Nachteil: Einzelne Unfälle lassen sich nicht mehr im Detail nachlesen. Man sieht das ganze Bild, aber nicht mehr den einzelnen Fall.

Zwei Datenbasen, ein Werkzeug

Die taa hat damit zwei Standbeine, die sich ergänzen:

  • /polizei – die Auswertung der polizeilichen Presse­aussendungen. Lückenhaft, aber bis zum einzelnen Bericht nachvollziehbar: Jeder Balken lässt sich bis zur ursprünglichen Aussendung aufklappen.
  • /stata – die Vollerhebung der Statistik Austria. Vollständig, dafür nur aggregiert: Zahlen nach Bundesland, Bezirk, Jahr und Verkehrsart, aber ohne Einzelfall.

Für die Frage »Stimmt das Gesamtbild?« ist ab jetzt die Vollerhebung die bessere Adresse. Für Fragen »Wie laufen solche Unfälle konkret ab?« oder »Was wird von der Polizei berichtet?« bleiben die Aussendungen unverzichtbar.

Was die Vollerhebung an den alten Befunden ändert

Die spannende Frage, der ich als erstes nachgegangen bin: Halten die beiden Interpretationen vom April auch gegen die vollständigen Zahlen?

Der erste lautete: Fußgänger werden überwiegend von PKW angefahren. Aus den Aussendungen hatte ich 77 % abgelesen – und in der Dunkel­feld­analyse angemerkt, dieser Wert sei womöglich zu hoch, weil Aussendungen PKW-Unfälle überzeichnen. Genau so kommt es: In der Vollerhebung sind es »nur« noch 68,8 %. Der Anteil sinkt, wie ich erwartet hatte – aber nicht sehr und die Rangfolge bleibt unberührt. Auf den PKW folgen mit großem Abstand LKW (9,1 %), Fahrrad (7,6 %) und E-Scooter (7,1 %). Die Erzählung vom Radfahrer als Hauptgefahr für Fußgänger hält auch einer Analyse mittels Vollerhebung nicht stand.

Wer gefährdet Fußgänger? – Österreich gesamt 2025. Basis Vollerhebung der Statistik Austria, Verursacher-Ansicht (Allein- und schuldhafte Unfälle herausgerechnet). Von 2.593 verletzten oder getöteten Fußgängern gehen 68,8 % auf PKW zurück – deutlich vor LKW, Fahrrad und E-Scooter. Auf Basis der Polizeiaussendungen, wären es 77 % gewesen. taa

Der zweite Befund – Radfahren in Wien ist vergleichsweise sicher – stand mit den Presse­aussendungen als alleiniger Basis auf besonders dünnem Eis, weil ausgerechnet in Wien kaum Aussendungen zu Verkehrsunfällen gemacht werden. Die Vollerhebung zeigt Wien direkt und vollständig, unabhängig davon, ob die Wiener Polizei eine Aussendung verschickt. Trotzdem zeigt sich, dass auch auf Basis einer Vollerhebung verschiedene Gebiete kaum sinnvoll zu vergleichen sind , weil sich sowohl Bundesländer als auch Bezirke zu sehr unterscheiden, was die Bevölkerungs­zahlen und die Wahl der Verkehrsmittel betrifft.

Von einem Leser bekam ich diese Graphik zugesendet, die eindrucksvoll zeigt, dass es einen enormen Unterschied macht, ob und wenn ja welcher Parameter herangezogen wird, um die Unterschiede zwischen Bezirken oder Bundesländern zu berücksichtigen. Demnach wäre Radeln in Mariahilf rund drei mal so gefährlich wie in der Donaustadt.

Unfallhäufigkeit (unverschuldet) für Radfahrer in Mariahilf, Donaustadt und Steiermark. Abhängig jeweils von Bevölkerungszahl, Fläche oder Radwegnetz, ergeben sich völlig andere Werte. Leserzuschrift

Selbstverständlich sind die drei von meinem Leser spontan ausgewählten Parameter (Bevölkerung, Radwegenetz, Fläche) nicht geeignet, die absolute Anzahl der Verunfallten zwischen Bezirken oder Bundesländern vergleichbar zu machen. Die Bevölkerungszahl berücksichtigt nicht, wie viel Radfahrer unterwegs sind, ein langes Radwegenetz kann sich aus verschiedenen Gründen ergeben und die Fläche hat mit dem Verkehrsgeschehen nur am Rande zu tun.

Wir wollen mit dieser Grafik von verunfallten Radlern in Relation zu irgendwas Storchennester wäre noch eine lustige Idee vor allem aufzeigen, wie schwierig es ist, das Unfallrisiko zwischen Orten zu vergleichen und in eine vernünftige Relation zu bringen. Lösung haben wir dafür noch keine. Die dafür notwendige Datenbasis zu schaffen, sehe ich als interessante Herausforderung für die Zukunft. Wer Ideen dazu hat und sich beteiligen möchte, ist herzlich willkommen! Kontaktdaten siehe Impressum

Wer gefährdet wen – die eigentliche Frage

Die taa auf Basis der Vollerhebung lässt sich derzeit nur in der »Verursacht von«-Ansicht lesen. Hier werden alle, die sich selber verunfallt haben, herausgerechnet.

Eine zweite Ansicht, »Verwickelt in« – alle geschädigten Personen einer Verkehrsart, ganz gleich, wer den Unfall verursacht hat, ist noch deaktiviert, um sie fertig ausarbeiten zu können.

Was ist der Unterschied? Nehmen wir als Beispiel die 3.462 Fußgänger, die 2025 zu Schaden kamen. Davon waren rund 880 selbst die Haupt­verursacher – ein Viertel. Wer über den Ring läuft, ohne zu schauen, gefährdet in erster Linie sich selbst. In der »Verursacht von«-Ansicht bleiben daher jene 2.593 Fälle übrig, bei denen jemand anderer die Hauptschuld trug – der Fußgänger also mutmaßlich ohne eigenes Verschulden in den Unfall verwickelt wurde. Der Begriff »Schuld« ist hier nicht ganz richtig. Wie in den Erläuterungen nachzulesen ist, vermerken die Daten aus der Unfallaufnahme lediglich einen »vermuteten Haupt­verursacher«. Die Schuldfrage im engeren Sinn, wird später bei Gericht geklärt.

Diese Trennung halte ich für wichtig! Staatliche Disziplinierungs- und Überwachungs­maßnahmen sind vor allem dann erwünscht und gerechtfertigt, wenn sie dem Schutz der Allgemeinheit – und das sind mehrheitlich die anderen – dienen. Kernaufgabe eines Staates ist nicht, Bürger vor sich selbst zu schützen. Wer nur sich selbst mit Auto oder Fahrrad um einen Baum wickelt, handelt offensichtlich unklug – aber es rechtfertigt eher keine teuren Maßnahme, die allen anderen das Leben schwer machen. Daher halte ich die Verursacher-Ansicht bei verkehrspolitische Fragen, für die bedeutsamere Perspektive.

Ein konkretes Beispiel: E-Scooter in Wien

Mit der taa lässt sich rasch prüfen, ob eine Debatte sachlich begründet geführt wird oder lediglich Vorurteile bedient. Nehmen wir die Regulierung von E-Scootern, die von Boulevardmedien schon lange als Gefahr dargestellt wurden. Prompt häuften sich die Beschwerden von Fußgängern.

Schlagzeilen – doch stützen Verkehrsunfalldaten die Erzählung vom gefährlichen E-Scooter-Rowdy? Krone, OE24, Heute

Doch was sagen die Daten? Österreichweit zeichneten E-Scooter-Fahrende für 7,1 % der von anderen verursachten Fußgängerunfälle verantwortlich – das ist nicht besonders viel. In Wien aber sieht es anders aus: Dort sind E-Scooter mit 14,3 % die zweit­häufigste Fremdgefahr für Fußgänger – doppelt so viel wie im Bundesschnitt. Von 700 Fußgängern, die 2025 in Wien ohne eigenes Verschulden zu Schaden kamen, gehen 100 auf E-Scooter zurück – mehr als auf LKW (73) oder Fahrräder (60).

Fußgängerunfälle in Wien 2025 – von 700 fremdverschuldeten Fußgängerunfällen entfallen 434 auf PKW und 100 auf E-Scooter – Letztere mit 14,3 % doppelt so häufig wie im österreichweiten Schnitt. taa

Die Zahlen der taa stützen in diesem Fall also das Gefühl jener, die sich von E-Scooterfahrenden bedroht fühlen. Freilich eignen sich diese Zahlen auch dafür, das Bild zu komplettieren und das Ausmaß der grundsätzlich gerechtfertigten Empörung zu relativieren. Denn wir sehen oben auch, dass an der Spitze, der für Fußgängerunfälle verantwortlichen Verkehrsmittel in Wien der PKW mit 434 Fällen (62 %) steht. Wer also jahrelang tatenlos zugesehen hatte, wie zu Fuß Gehende von PKWs niedergemäht wurden, darf sich schon auch fragen, warum ihn die E-Scooter jetzt gar so aufregen.

Unfallschwere ändert die Verantwortlichkeiten

Das Bild ändert sich, wenn wir uns auf schwere Unfälle bis hin zu den tödlichen konzentrieren. Bei den schweren Unfällen übernehmen LKW den zweiten Platz.

Fußgängerunfälle (schwer verletzte) Wien 2025 – hier übernehmen LKW den zweiten Platz von den E-Scootern.

Bei Verkehrsunfällen schuldlos getötete Fußgänger sind in Wien erfreulicher Weise sehr selten – lediglich 4 im letzten Jahr! Die vermuteten Haupt­verursacher kamen allesamt aus der Gruppe der motorisierten Verkehrs­teilnehmern. E-Scooter kommen hier gar nicht mehr vor.

Tödliche Fußgängerunfälle Wien 2025 – wurden ausschließlich durch den motorisierten Verkehr verursacht. Die gesamte Micro-Mobilität ist hier als Verursacher nicht vorhanden. Nicht umsonst, wird sie auch als sanfte Mobilität bezeichnet.

Fazit

Die taa soll dazu beitragen, eine ausgeglichenere, realistischere Sichtweise zu entwickeln, nicht um Feldzüge gegen ein bestimmtes Verkehrsmittel zu führen. Das was (Soziale) Medien vermitteln muss nicht unbedingt falsch sein, wie wir am Beispiel der E-Scooter sehen, aber es ist immer gut, zu hinter­fragen! Dank dieses Werkzeugs sind Recherchen in Verkehrs­unfall­daten nun um einiges einfacher geworden. Mein Dank geht auch an das BMIMI sowie die Statistik Austria GmbH. Ohne deren hervorragende Datenbasis solche Darstellungen niemals möglich gewesen wären.

Quellen

Statistik Austria. Straßenverkehrsunfälle – Vollerhebung Einzelsatzdaten der Unfälle mit Personenschaden, aufbereitet für taa.lantschner.name/stata (Jahre 2023–2025). 🌐

Ingo Lantschner / taa. Verkehrsunfall-Analyse – Vollerhebung Filterbare Auswertung der Vollerhebung nach Bundesland, Bezirk, Jahr und Verkehrsart. 🌐

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