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Geschichten von der Nevillebrücke

Wird der Verkehrsknotenpunkt noch zum Coolspot?

Inhalt
Nevillebrücke heute – Blickrichtung stadteinwärts, links geht es vorbei an der Drogerie „Neubers Enkel“ über die Brückengasse in den 6. Bezirk. Auf der rechten Seite zweigt die Nevillegasse in die Schönbrunner Straße und damit den 5. Bezirk ab. Seit der Begrünung und Sperre für den KfZ-Verkehr sind nun 10 Jahre vergangen. Brücke grün bewachsen im urbanen Raum.

Sie war einmal eine hölzerne Bohlenbrücke, welche die damaligen Vorstädte Hundsturm und Gumpendorf verband. Als dann 1854 eine Brücke aus Eisen vom Feldmarschall Radetzky eröffnet wurde, bekam sie auch dessen Namen. Allerdings nicht lange, denn schon bald wurde im dritten Bezirk die heute noch als solche bekannte Radetzkybrücke errichtet. Seitdem heißt sie Nevillebrücke. Das passt auch besser, ist sie doch die erste Wiener Brücke, welche nach dem System von Ing. Franz Neville konstruiert worden war.

Nevillebrücke 1853 - Blick vom rechten Flussufer stromaufwärts gegen die Brücke. Der Wienfluss war damals selbstverständlich zugänglich für jedermensch. Der Rückstau vom Gumpendorfer Wehr sorgte zu dieser Zeit für eine ansehnliche Wasserfläche – wie auch in dem Stadtplan unten deutlich zu sehen ist. Verblasste schwarz/weiß Zeichung einer Brücke über einen Wasserlauf.


Ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt

Bereits die Römer bauten hier eine Straße und damit wohl auch so etwas Ähnliches wie eine Brücke. Später, da gab es schon den Linienwall, war die Nevillebrücke lange Zeit die letzte Möglichkeit, den Wienfluss innerhalb der Mauern noch zu queren. Im 6. weist der Name Brückengasse auch heute noch auf diese damals wichtige Quer­verbindung hin. Im Franziszeischen Kataster von 1829 ist Richtung stadteinwärts bei der Reinprechtsdorfer Straße noch ein Steg und dann erst wieder die Kettenbrücke eingezeichnet vgl. Abbildung im Kapitel →Mühlbäche und Wehre . Die Pilgrambrücke wurde erst 1867 erbaut.

Die Wien war damals breiter

Das Überqueren der Wien war damals also keine Selbst­ver­ständlichkeit. Neben der im Vergleich zu heute geringeren Anzahl an Brücken sehen wir auf der historischen Karte auch einen anderen Grund: Der Rückstau vom Gumpendorfer Wehr reichte nicht nur bis zur Neville Brücke, sondern darüber hinaus bis ins damalige Wiener Umland. Der Wienfluss war dank der vielen Wehre früher also deutlich breiter und tiefer Die Breite der Wien beträgt heute in der überwiegenden Zeit des Jahres nur etwa 6 m, die Tiefe liegt bei etwa 0,2 m; meistens ist nur die sogenannte „Niederwasserrinne“, welche ⅓ der Gesamtbreite des Regulierungs­profiles beträgt, wasserbedeckt. – heute kann von einem „Wasserspiegel“ eigentlich gar nicht mehr die Rede sein. Im Bereich des Nevillebrücke messe ich auf der Karte von 1780 satte 35 Meter! Die Breite des damaligen Flussbettes, das überspannt werden musste, belief sich auf 80 Meter. Zum Vergleich: Die aktuelle Brücke ist gerade einmal 30 Meter lang – die Überquerung der U‑Bahn schon eingerechnet.

Stadtplan
Stadtplan von 1780: Weit und breit die einzige Möglichkeit den Wienfluss zu überqueren, bot damals jene Stelle, wo heute die Nevillebrücke steht. Wenn wir davon ausgehen, dass die laut Legende in braun gehaltenen Wasserbauten (b) Brückenlager waren, ergäbe dies die beachtliche Länge von 80m. Alleine der blau eingezeichnete Wasserlauf ist mit 35m breiter als der heutige Wienflusskanal und U-Bahntrasse zusammengenommen.


Eine „Brücke“ aus Stein

Um 1900, im Zuge des Stadtbahnbaues, wurde Nevilles Fachwerkbrücke aus Eisen abgebaut und durch die heutige, einer Bogenbrücke verblüffend ähnlichen Konstruktion ersetzt. Tatsächlich wurde aber ein Gewölbe betoniert, das links und rechts auf Widerlagern aus Beton aufgesetzt ist.

Die aktuelle Brücke ist eigentlich eine partielle Einwölbung. Im vergrößerten Bereich sehen wir, wie sie sich auf einem der Widerlager abstützt. Die Planung aus ~1900 sah vor, dass der Kanal bis Hietzing hinauf auf diese Weise verschlossen wird. Daher diese Betonschrägen über die gesamte Länge. Das Foto stammt aus 2008 – auf der Brücke stauten sich damals noch die Autos. Steinbrücke über tiefen nach oben aber offenen, gemauerten Kanal. Links und rechts Häuser. Die Sole des Kanals ist mit ein wenig Wasser bedeckt.

Siehe auch →Der Broadway von Wien. Dieses unfertige Projekt, eigentlich eine Baustelle, die den Lebens- und Erlebnisraum des ehemaligen Wienflusses zerstört und einen Kanal zurückgelassen hat, steht unter Denkmalschutz. Das BDA hat aber bereits signalisiert, keinen grundsätzlichen Einwand zu erheben, wenn aus dem trocken-heißen Regulierungsprofil mittels Aufstau der Wasserfläche und Wandbegrünung wieder ein „Flußraum“ entsteht. Diese sogenannten „Kämpfer“ mit den deutlich erkennbaren, schräg nach innen geneigten Kronen wurden um 1900 herum, im Vorgriff auf die geplanten Einwölbung der Wien bis zur Kennedybrücke in Hietzing, den steinernen Hochwasser­schutzmauern vorgesetzt. Das vom Stadtpark bis zum Rüdigerhof ausgeführte Gewölbe wurde aber stadtauswärts aus Kostengründen bis heute nicht fertiggestellt. So kommt es, dass wir heute noch auf nackten Beton blicken, der, wäre es nach den Plänen Otto-Wagners gegangen, schon lange unter einem Prachtboulevard verschwunden wäre.


Knotenpunkt der sanften Mobilität

Menschen sitzen in einer Garten-/Parkanlage in der Sonne. Herbstnachmittag – auf der Nevillebrücke Mit dem Abriss des Linienwalls und der Entwicklung des Gürtels zur dominierenden Verkehrsverbindung, nahm die Bedeutung der Nevillebrücke als Wienflussquerung ab. Bis 1969 wurde sie noch von der Straßen­bahnlinie 6 befahren, welche von der Schönbrunner Straße über die Brückengasse bei der Kirche St. Ägyd am Kurt-Pint-Platz in die Gumpendorfer Straße abbog. Seit 2012 ist die Brücke für den motorisierten Verkehr gesperrt und wurde begrünt.

Heute schlendern Jung und Alt gemächlich zwischen den zahlreichen Bankerln und Grünzonen. Rad- und Rollerfahrer queren dort auch merklich entspannt zwischen den Bezirken. Die Nevillbrücke ist wieder ein Verkehrs­kontenpunkt – der sanften Mobilität – geworden.


Wie die Nevillebrücke grün wurde

Luftbildaufnahme – zwei grüne Streifen – so schmal, dass wir sie mit Pfeilen kennzeichnen mussten – speisen jeweils einen riesigen „hängenden Garten“. Das in Punkto Grün- und Erholungsflächen nicht gerade verwöhnte Margareten überlegte immer wieder, wie kostengünstig und schnell mehr Vegetationsflächen und Erholungsraum geschaffen werden könnte. Der damals in der MA22 für den Bereich Räumliche Entwicklung verantwortliche Bruno Domany entwarf 2007 mit seinen Mitarbeitern erste Pläne für niedrige Pflanztröge entlang des denkmalgeschützten Otto-Wagner-Geländers; bei entsprechender Bewässerung sollte dieser Wurzelraum für Kletterpflanzen ausreichen, die durch das Geländer hindurch hängend die Gewässersohle erreichen.

Dieses Konzept scheint sich zu bewähren: Der grüne Vorhang, die Pflanzenkaskaden vermitteln nicht nur den Eindruck von Frische und Kühle, sondern beschatten tatsächlich auch Beton und Stein. Damit verhindern sie das Aufheizen, die Wärmespeicherung und nächtliche Abstrahlung dieser Materialien.

Begrünt schaut sie nicht nur kühler aus sie ist es auch. Mikroklimatisch ist ein solcher Pflanzenpolster natürlich von Vorteil; hinzu kommt, dass er Lebensraum und Nahrung für zahlreiche Tiere bietet.

Insbesondere die Sperre für den KfZ Verkehr war 2007 natürlich nicht einfach durchzusetzen. Der damalige Bezirksvorsteher Kurt Wimmer sieht es heute gelassen und meint im Rückblick: „Manchmal brauchen Dinge ihre Zeit, um von allen verstanden zu werden“.

Ganz verstummt ist die Kritik an den Umwegen Interessant wäre einmal der Frage nachzugehen, wie lange solche Umwege konkret sind, um dann nachzurechnen, ob und wenn ja wie sehr sie sich auf die Klimabilanz auswirken. aber auch heute noch nicht. Vor allem im Kontext der zahlreichen sonstigen Einbahnen, ergeben sich durch die Sperre der Brücke Umwege für Autofahrende. Immerhin entstand im Austausch aber ein wertvoller und intensiv genutzter autofreier Raum, wohingegen viele andere Einbahnregelungen eher der Schaffung von Parkplätzen dienen.

Menschen sitzen auf verschiedenen Sitzmöbeln in der Sonne. Im Hintergrund Bäume und Häuser.
„Sommerstimmung“ auf der Brücke. Aus dieser Perspektive profitiert sie auch von teilweise neu gepflanzten Bäumen an der linken Wienzeile, die sich sehr schön entwickelt haben.

Eine Umfrage auf Fragnebenan ergab überwiegend positives Feedback, was auch gut nachvollziehbar ist: Die zahlreichen Sitzmöglichkeiten laden zum Verweilen ein, die Aussicht entlang des Wienflusstals ist für eine Großstadt sensationell. Kaum wo sonst kann mensch so lange in der Abendsonne sitzen. Die Gestaltung mit den Ovalen ist manchem wiederum zu einfallslos. Gut nachvollziehbar ist die Kritik am fehlenden Schatten und der daraus resultierende Überhitzung im Sommer, was uns zu einem weiteren, sehr spannenden Thema führt.


Neue Herausforderung „Coolspot“

Da auf der Brücke neben Gräsern nur kleine Zierbäumchen wachsen, ist es im Sommer oft zu heiß, um sich länger dort aufhalten zu können. Die Vertreter der angrenzenden Bezirks scheinen das Problem bereits erkannt zu haben und planen Maßnahmen an der Oberfläche, wie wir diversen Meldungen vor allem in Bezirksblättern entnehmen konnten.

Nicht vergessen werden sollte dabei aber: Der natürlich coole Platz wäre halt unter der Brücke – dort wo wir im Schatten dieses mächtigen Bauwerks uns aufhalten könnten – eintauchend in den kühlenden Pflanzenpolster und nahe am Wasser.

Coolspot Wienflusskanal – Blick stadteinwärts durch den Weinrankenvorhang der Nevillebrücke hindurch. Heute liegt dieser riesige Raum vollkommen brach und wird allenfalls von sehr mutigen Radlern oder Graffiti-Künstlern genutzt.

Die Geschichte der Nevillebrücke wäre damit um eine weiters Kapitel reicher und wir bekämen einen vom aufgestauten Wasser, den Pflanzen und dem Schatten der Brücke natürlich gekühlten Coolspot.

Murmelndes Wasser, schnatternde Enten – weinumrankt …

„Kein Rendering toppt die Bilder, die im Kopfkino entstehen, wenn man die Fotos der Neville-Brücke im Gedächtnis behält und zur Teststrecke bei der Brauhausbrücke fährt“, versucht Bruno Domany seine Vorstellung von diesem Bereich zu veranschaulichen. Und er ist sich sicher, dass die Nähe zu sauberem Wasser jeden anderen, künstlich geschaffenen „Cool Spot“ vor Neid erblassen lassen würde.

Damit konfrontiert, dass der Kanal unter der Brücke ein doch eher unattraktiver Unort sei, entgegnet er: “Nur wenige Flusskilometer oberhalb, im Bereich von Hütteldorf, zeigt uns die Wien doch, was sie kann! Wir müssen sie nur ein klein wenig unterstützen.” Gemeint sind ins Betonbett gelegte Steine, welche dafür sorgen, dass sich dort ein kühlendes, naturnahes Gewässer über die gesamte Flussbreite entwicklen konnte.

Da nicht ein jeder sofort und auf der Stelle, weiß wo die „Brauhausbrücke“ sich befindet und schon gar nicht, wie es dort aussieht, blenden wir an dieser Stelle ein Video ein mit der Bitte an den geneigten Leser, sich dieses beim Ansehen in das obige Unter-der-Brücke-Foto „hineinzudenken“.

Der selbe Fluss – ein paar Kilometer stromaufwärts, in Hütteldorf, murmelt das Wasser, zu dem man über kurze Stufen gelangt, tummeln sich die Enten und sprießt das Grünzeug über die gesamte Flussbreite. So könnte es unter Nevillebrücke auch aussehen – und tönen! →Video ansehen

Es gibt also konkrete Ideen, wie das magere Bächlein, welches derzeit noch hastig durch den Kanal eilt, zu einem attraktiven Gewässer umgestaltet werden könnte. Und in freier Interpretation des STS-Songs heißt‘s dann vielleicht einmal: „…und irgendwann bleib i dann durt und steck die Füß in‘d kühle Furt…“.


Siehe auch

Dieser Artikel ist Teil der →Wienfluss Serie


Quellen

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Nevillebrücke

https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Wienflussbrücken

https://www.meinbezirk.at/mariahilf/c-politik/neuer-coolspot-fuer-mariahilf-und-margareten_a4730441

https://www.meinbezirk.at/margareten/c-lokales/bruecke-sorgt-fuer-streit_a161209

https://www.wien.gv.at/stadtplan/ – Längenangaben mittels GIS-Werkzeug ermittelt und auf 5m gerundet.


Bildnachweise

Historische Karte: Stadt Wien | ViennaGIS, Stadtgeschichte, Historische Landschaftsentwicklung, 1780 Stadtgebiet

Andreas Groll (Fotograf), Wienfluss - Nevillebrücke - Blick vom rechten Flussufer stromaufwärts gegen die Brücke, um 1853, Wien Museum Inv.-Nr. 29173, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/103277/)

Extrawurst, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Sonstige Farbphotographien Ingo Lantschner, August 2022 und Bruno Domany

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Dieser Artikel ist Teil der
Serie Wienfluss

  • 28.07.2022 Hitzeschneise Wienfluss
    Thermalkarten decken auf: Der Wienfluss bringt keine Kühlung mehr in die Stadt.
  • 10.08.2022 Die Geschichte des Wienflusses
    Vom Gebirgsfluss zur Hitzeschneise.
  • 21.08.2022 Das Wienfluss-Portal im Stadtpark
    Alte Pläne zeigen, wie attraktiv Gewässer mitten in der Stadt gestaltet werden könnten.
  • 13.09.2022 Vom Kanal zum Flussraum
    Überlegungen zu einer zeitgemäßen Flussraumgestaltung
  • 28.09.2022 Geschichten von der Nevillebrücke
    Wird der Verkehrsknotenpunkt noch zum Coolspot?
  • 20.11.2022 Mehr Grünes für den Kanal!
    Die Überlegungen zur Begrünung des Wienflusskanals sind weiter fortgeschritten als allgemein bekannt – sie wären auch rasch umsetzbar.
  • 17.08.2023 Den Wienfluss-Kanal erfahren!
    Wir haben die Strecke für den in Diskussion befindlichen Rad-/Fußweg unten im Wienfluss-Kanal vorab befahren und Erstaunliches entdeckt: Der Wienfluss-Kanal ist bei näherer Betrachtung alles andere als tot, die Perspektiven von unten hoch spannend und von einer einmaligen Ästhetik.
  • 18.01.2024 Die Auferstehung der Markthalle?
    Wer glaubt, die Markthalle am Naschmarkt wäre vom Tisch, muss möglicherweise umdenken. Ein 8 Meter hoher, verglaster Würfel aus Stahl wirft Fragen auf.