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Die Auferstehung der Markthalle?

Wer glaubt, die Markthalle am Naschmarkt wäre vom Tisch, muss möglicherweise umdenken. Ein 8 Meter hoher, verglaster Würfel aus Stahl wirft Fragen auf.

Rendering: Im Vordergrund eingeschoßige Glaskonstruktion mit Dachgarten. Hintergrund gründerzeitliche Prachtbauten.
»Bauernmarkt Neu« wie er uns von der Stadt Wien präsentiert wurde – aus der Vogelperspektive wirkt die Halle noch recht niedlich … mostlikely architecture, DnD Landschaftsplanung ZT KG

Die Erleichterung war groß, als bekannt geben wurde, die Pläne den Naschmarktparkplatz mit einer Markthalle zu bebauen, wären vom Tisch. Doch nachdem sich die Bürgerinitiative Freiraum Naschmarkt die Ergebnisse des »partizipativen Prozesses« der Stadt Wien angesehen hat, sind sie wieder da – die Sorgen: Nicht weniger als 8 Meter hoch soll jenes Gebäude werden, das nicht mehr Markthalle genannt werden darf. Zum Vergleich: Die historischen Standeln haben eine Traufhöhe von circa 3 Metern, die Giebelhöhe des Marktamtes beträgt 8,5 Meter. Die neu gebaute Halle, ein Quader aus Stahl und Glas, der alles überragt, wird sich in dieses Ambiente eher schlecht einfügen.

Bei genauerer Betrachtung der von der Stadt Wien verbreiteten Visualisierung fällt zunächst einmal die Vogelperspektive auf. Nachdem wir nun einmal keine Flügel haben, werden wir den Platz so niemals sehen können. »Vorteil« dieser Perspektive: Großes wirkt kleiner und es fällt nicht so auf, dass dieser Bau den Blick auch verstellt.

An- vs. Ausblick

Jetzt muss nicht alles schlecht sein, was neu und anders gebaut wird. Dennoch irritiert zunächst einmal, dass neben einem bestehenden Markt ein weiterer Markt gebaut werden soll. Denn für den Verkauf von Lebensmitteln durch »kleine, regionale Produzent*innen« O-Ton Ulli Sima , würde sich der vorhandene Naschmarkt bestens eignen. Seinem Angebot fehlt genau diese Produktgruppe.

Schrägluftaufnahme des Naschmarktes, 1956 – bis in die 60er Jahre waren dort, wo sich heute die von fliegenden Händlern genutzte Asphaltfläche befindet, die typischen Stände des Naschmarktes vorhanden. Erkennbar sind diese an den abgerundeten Giebeldächern. Bilderdienst der Stadt Wien, Wien Museum Schwarzweißphotographie

Auf der Haben-Seite des geplanten Foyers steht der Dachgarten. »Der bepflanzte Dachgarten wird öffentlich und frei begehbar sein und einen einmaligen Rundum-Blick auf den historischen Naschmarkt und auf den neugestalteten Grünbereich zwischen den Wienzeilen eröffnen.« Stadt Wien, Neugestaltung des Naschmarkt-Parkplatzes Aber kann diese naturgemäß kleine und im Alltag wohl nur selten besuchte Fläche die wegfallenden Blickachsen unten kompensieren? Wer auch immer den U‑Bahn­ausgang zur Kettenbrückengasse verlässt, wird hinkünftig von unten auf das neue Entrée blicken – das sind sehr viele mehr Menschen als jene, welche auf den Dachgarten hinauf klettern.

Rendering: Eingeschoßige Hallenkonstruktion, am Dach, vor der Halle Menschen in Alltagskleidung. Am Vorplatz auch Kisten mit Gemüse o.ä.
»Bauernmarkt neu« diesmal aus der Normalperspektive – also so, wie wir ihn tagtäglich sehen werden. Die typischen Naschmarktstände sind verschwunden. Dieser Anblick ist interessanterweise auf den offiziellen Seiten der Stadt Wien nicht zu finden. mostlikely architecture, DnD Landschaftsplanung ZT KG

Blockade der Frischluftschneise?

Die BI Freiraum Naschmarkt befürchtet weiters, der Bau würde der »Frischluftschneise« im Weg stehen. Nun sind Stadtklima-Analysen eine höchst komplizierte Angelegenheit. Fraglich erscheint dem interessierten Laien, woher an dieser Stelle die frische Luft kommen könnte? Ungeklärt ist auch, wohin sie zöge – der Naschmarkt ist nun einmal am Ende des Wientals. Es sei denn, die Stadt entschlösse sich, den Wienfluss wieder auszugraben, was auch in ferner Zukunft kaum passieren dürfte.

Grundsätzlich wäre die für die Reaktivierung der Frischluft­schneise nötige – durchgehende! – Begrünung bis Hüttel­dorf aber machbar. Daher wäre es ein unver­zeih­licher Fehler, die stadt­klimatischen Auswirkungen dieses Gebäudes einfach zu ignorieren. Auf schwachen Beinen steht auch das Versprechen, die Frischluftschneise würde durch die Begrünung des Wienfluss­kanals zwischen Neville- und Wacken­roden­brücke reaktiviert werden. Ohne eine mindestens ebenso intensive Begrünung bis Hüttel­dorf, ist sie unterbrochen.

Was wären die Alternativen?

Der Architektur- und Landschafts­planungs­wettbewerb ist abgeschlossen und die Sieger­projekte stehen fest. Aber ist die Stadt daran gebunden, das von der Jury auserkorene Siegerprojekt unverändert oder auch nur teilweise umzusetzen? Die bei der Auslobung gegebene Absichtserklärung scheint der Stadt viel Spielraum zu geben »Die Auftraggeberin beabsichtigt, im Anschluss an den Wettbewerb, ein Verhandlungsverfahren ein­zuleiten, mit dem Ziel, einen Werk­vertrag über die wett­bewerbs­gegen­ständlichen Leistungen abzuschließen. Die Ausloberin behält sich das Recht vor, Adaptierungen der eingereichten Wettbewerbs­arbeit zu vereinbaren. Sollte kein positiver Vertrags­ab­schluss mit dem Gewinner zustande kommen können, so beabsichtigt die Ausloberin anschließend mit dem Verfasser des zweit- (oder dritt-) gereihten Projektes, in Verhandlungen zu treten.« (gekürzt, Quelle) . Wer mit Architekten oder auch nur interessierten Laien redet, hört recht unterschiedliche Meinungen zu dem von der Stadt favorisierten Entwurf. Während einige das Entrée als einen unverzeihlichen Eingriff in die bestehende Architektur halten, sehen andere den Schatten und Schutz, den diese Halle bietet, als Vorteil.

Einen radikal anderen Ansatz verfolgt das drittgereihte Projekt. Es greift den Jahrhundertwende-Baustil der legendären grünen Naschmarkt-Pavillons auf. Zumindest im Rendering gelingt dies so gut, dass einige Betrachter dabei vollkommen übersehen, dass die neuen Pavillons eben nicht der Bestand sind, sondern neu geschaffene Verkaufsflächen. Das Marktamt behält seine dominante Stellung. Erhalten bliebe auch die Blickachse entlang des Wienflusses in die Innenstadt. So gesehen würde mit diesem Projekt eigentlich eine irgendwann vermutlich in den späten 60ern geschlagene Lücke in der Bebauung behoben.

Rendering: Blick in eine breite Häuserzeile, in der Mitte eingeschoßige Gebäude mit Giebeldächern. Menschen und kleine Verkaufsstände im Vordergrund
Die drittgereihte Einreichung. Auf den ersten Blick kaum zu erkennen die zwei Pavillons. Auch wenn sie sich in der Gebäudehöhe und der Form des Daches an die Umgebung anpassen, unterscheiden sie sich von den historischen Standeln beispielsweise durch ihre luftige Architektur mit großen Fenstern. Sehr schön ist auch der Belag aus Granitsteinen. Büropartnerschaft von l’AUC Architectes et urbanistes, Studio Patrick Pregesbauer und Studio Mathieu Lucas

Und wo bleiben die Bäume?

Eine der am häufigsten gehörten Kritikpunkte betrifft den fehlenden Wetterschutz und mangelnde Begrünung. Dazu ist zunächst einmal anzumerken, dass es sich bei den hier gezeigten Bildern um ein Detail handelt, das einer sehr viel umfangreicheren Gestaltung des gesamten Areals entnommen wurde. Ernsthaft Interessierten sei geraten, sich die vollständigen Präsentationen anzusehen. Siehe Bildnachweise.

Wer sich jedoch die Einreichungen als Gesamtes ansieht wird überrascht sein, wieviel Grün eingeplant wurde!

Grünfläche des drittplatzierten Projektes – eigentlich absurd, dass eine solche Fläche jahrzehntelang als Parkplatz genutzt wurde. Büropartnerschaft von l’AUC Architectes et urbanistes, Studio Patrick Pregesbauer und Studio Mathieu Lucas Rendering: Parklandschaft, am Rasen sitzen Menschen beschattet durch Bäume. Im Hintergrund blitzen Gründerzeitbauten hervor.

Die Gestaltung der Kettenbrücke ist übrigens nicht Teil des Projektes. Wer also auf einen hinkünftig schattigen Fußweg von der U-Bahn in die Nachbarbezirke hofft, wird sich wohl noch länger gedulden müssen. (Immerhin aber sollen laut Auskunft durch die Stadt der Straßenbelag an die Umgebung angepasst werden.)

Wie es jetzt weitergeht

Bei der kleinen Umfrage im Vorfeld dieses Artikels hat sich vor allem eines gezeigt: Dieses Thema benötigt mehr Kontext und Beschäftigung, als nur drei Screenshots herzuzeigen. Erfreulicherweise strebt die Bürgerinitiative Freiraum Naschmarkt eine Veranstaltung an, bei der die Architekten ihre Einreichungen vorstellen und interessierten Anrainern und Standlern (Floh- wie Bauernmarkt) die Gelegenheit gegeben wird, Fragen zu stellen oder ihre Meinung kund zu tun. Monika Ferdiny, BI-Sprecherin: »Anerkannte Architekten in der Kammer der Ziviltechniker gratulieren uns, daß wir uns wieder zu Wort melden«. Damit könnte aus dieser ganzen Sache doch noch so etwas ähnliches wie eine Bürgerbeteiligung werden. Möge sie gelingen!

Bildnachweis

Die Visualisierungen sind Ausschnitte aus Beiträgen zum Realisierungswettbewerb »Zwischen den Wienzeilen«.

Copyright mostlikely architecture, DnD Landschaftsplanung ZT KG, (1. Platz), Büropartnerschaft von l’AUC Architectes et urbanistes, Studio Patrick Pregesbauer und Studio Mathieu Lucas (3. Platz).

Schrägluftaufnahme des Naschmarktes (Ausschnitt), 1956, Foto: Bilderdienst der Stadt Wien, Wien Museum

Quellen

Freiraum Naschmarkt. PA 2024-01-08, BI fordert Diskussion zu Hallen-Siegerprojekt am Naschmarkts

Stadt Wien. Zwischen den Wienzeilen. Die Neugestaltung des Naschmarkt-Parkplatzes 🌐

Stefanie Rachbauer, Der Standard 25. Jänner 2023. Wiener Naschmarkt: Bis zu 8,5 Meter hoher Bau bei Kettenbrücke steht im Raum 🌐

Sándor Békési, Wien Museum Magazin. Naschmarkt neu und ohne Großhalle – anno 1916 🌐

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